Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Buchrezension 2: Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter //

An einem Montag lernt Germain Margueritte im Park kennen. Die zierliche alte Dame zählt gerne die Tauben. Eine Lieblingsbeschäftigung auch von Germain. Und so sprechen sie miteinander. Einige Tage darauf treffen sie im Park zufällig wieder aufeinander. Beim dritten Mal liest Margueritte Germain aus Die Pest von Albert Camus vor. Die Begegnung mit Margueritte verändert Germains Leben:

Was für mich auch neu ist: Vor Margueritte habe ich noch nie jemanden geliebt. Ich rede nicht von sexuellen Dingen, ich rede von Gefühlen, ohne dass man gleich im Bett landet. Zärtlichkeit und Zuneigung, Vertrauen.

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Germain beginnt, sich Fragen über das Leben zu stellen und sich selbst zu hinterfragen. Er denkt nach, und durch Margueritte entdeckt er die Lust am Lesen.

Buch von Marie-Sabine Roger - Das Labyrinth der Wörter

In Das Labyrinth der Wörter erzählt die französische Autorin Marie-Sabine Roger die Geschichte einer zarten Freundschaft zwischen dem ungebildeten 45-jährigen Germain und der kultivierten 86-jährigen Margueritte. Germain ist nicht gerade vom Glück verfolgt. Sein Vater war lediglich der Erzeuger. Seine Mutter spinnt etwas und macht ihm das Leben durch ihre Härte und Gleichgültigkeit schwer:

Meine Mutter lebt dreißig Meter von mir entfernt. Sie im Haus und ich im Garten…also im Wohnwagen, meine ich. Trotzdem könnten wir kaum weiter voneinander weg sein.

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Wärme findet Germain lediglich bei seiner Freundin Annette. Wenn er nicht seinen Gemüsegarten pflegt oder Holzfiguren schnitzt, verbringt Germain seine Zeit damit, seinen Namen auf ein Gefallenendenkmal zu schreiben. Oder er hängt in der Kneipe von Francine herum. Mit seinen Kumpels Jojo, Julien, Marco, Youss und dem Automechaniker Landremont.

Sein einziger Berufswunsch war Kirchenfenstermacher. Auch kann sich Germain gut vorstellen, ein Amazonas-Indianer zu sein. Da ihm beides nicht geglückt ist, arbeitet er für eine Malerei- und Fassadenreinigung. Germain sagt von sich, dass er beinahe ein Analphabet gewesen sei. Es fehlen ihm die Worte:

Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können.

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Germain findet nicht immer die schönsten Worte, um sich auszudrücken, und findet dieses oder jenes einfach mal „scheiße“. Vielleicht ist er ungebildet, doch ist Germain von einer Weisheit, die ihm ein entbehrungsreiches Leben vermittelte:

Es gibt wunderschöne Päckchen, wo nichts als Dreck drin ist, und andere, die ungeschickt verschnürt sind, aber wahre Schätze enthalten.

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Margueritte in ihrem geblümten Kleid entdeckt Germains verborgenen Schatz. Germain würde jetzt sagen, dass das eine Metapher ist. So sitzen sie auf der Bank im Park unter der Linde, und Margueritte liest Germain vor und erklärt ihm schwierige Wörter. Sie erweitert seinen Horizont:

Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. Alles ringsherum kam einem immer ganz okay vor – einfach weil es unscharf war. Und dann plötzlich sieht man die Risse, den Rost, die Mängel, alles, was bröckelt

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter
Mein Fazit

Marie-Sabine Rogers Das Labyrinth der Wörter ist ein wunderbares Buch über das Gärtnern. Über das Hegen und Pflegen, Wachsen und Gedeihen, Sprießen und Erblühen der Kulturpflanze Mensch. Margueritte ist Germains Gärtnerin. Ein bisschen ist Germain auch Marguerittes Gärtner. Wenn man am Ende das Buch aus der Hand legt, sieht man noch lange Margueritte und Germain auf der Bank unter der Linde sitzen. Und man wünscht sich auch eine Margueritte. Oder einen Germain.

Die Autorin erzählt die Geschichte mit psychologischem Gespür und Humor. Sie lässt Germain in der Ich-Form zu Wort kommen. Man hat den Eindruck, Germain erzählt seine Geschichte demjenigen, der sie gerade liest. Ganz im Vertrauen. Der Originaltitel des Buches, La tête en friche (Der brachliegende Kopf), vermittelt etwas besser das Bild eines brachliegenden Ackers, bei dem noch unklar ist, was er hervorbringen wird. So begleitet der Leser Germain bei seiner persönlichen Entwicklung, Wachstum und Reifung.

Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren. Die ehemalige Grundschullehrerin lebt in Südfrankreich und schreibt auch für Kinder. Mehrere ihrer Romane wurden ausgezeichnet. Das Labyrinth der Wörter erhielt den Prix Inter 2009. Die Originalausgabe La tête en friche erschien 2008.

Der gleichnamige Film

Nach dem Roman von Marie-Sabine Roger entstand im September 2009 unter der Regie von Jean Becker (Dialog mit meinem Gärtner) der gleichnamige Film, in dem Gérard Depardieu Germain spielt. An seiner Seite ist Gisèle Casadesus als Margueritte zu sehen.

Betrachtet man Depardieus Lebensgeschichte, so scheint es, als hätte Marie-Sabine Roger die Geschichte für ihn geschrieben, so viele Parallelen lassen sich zwischen Germain und Gérard Depardieu entdecken: Da ist zum einen der von ihm selbst genannte Mangel an Bildung durch einen zu kurzen Schulbesuch. Mit einem Mangel an Weisheit möchte Depardieu das nicht verwechselt sehen. Insofern ähnelt er Germain in seiner durch das Leben geformten Weisheit und der nicht immer geschliffenen Ausdrucksweise.

Gérard Depardieu litt wie Germain unter einem unfreundlichen Lehrer und gleichgültigen Eltern. Streit und Geschrei gehörten zur Tagesordnung im Hause Depardieu. Sein Vater sei Analphabet gewesen, hätte kaum lesen und schreiben können. Und er trank. Der junge Gérard verwahrloste ein wenig. Er streunte schon früh durch die Straßen und traf dort keine Gärtner, die seinen brachliegenden Garten beackert hätten. Wie Germain entdeckt Depardieu die Literatur und großen Schriftsteller erst später im Rahmen seiner Schauspielausbildung und findet so die Worte, um besser ausdrücken zu können, was ihn bewegt. Er überwindet außerdem eine Sprachblockade. Im Schauspielkurs trifft Depardieu seine künftige Frau Elisabeth, die seine Gärtnerin wird und ihn kultiviert. Wie Germain, der von großer und kräftiger Statur ist, stand auch Depardieus grober Körper oft nicht im Einklang mit seiner Empfindsamkeit. Depardieu ist eine dieser ungeschickt verschnürten Schachteln. Mit Schätzen darin, aber auch einigem Dreck.

[Saturday Sentence] Das Labyrinth der Wörter

Saturday Sentence 3: Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter //

Der Saturday Sentence stammt dieses Mal aus dem Roman Das Labyrinth der Wörter von Marie-Sabine Roger. Die Aufgabe der Mitmachaktion lautet: Blättere in Deinem Buch auf Seite 158 und notiere den 10. Satz.

Marie Sabine Roger - Das Labyrinth der Wörter
Darum geht es bei Marie-Sabine Roger

In Das Labyrinth der Wörter erzählt die französische Autorin Marie-Sabine Roger die Geschichte einer zarten Freundschaft zwischen dem ungebildeten 45-jährigen Germain und der kultivierten 86-jährigen Margueritte. Die beiden treffen im Park aufeinander und unterhalten sich. Margueritte liest Germain aus Die Pest von Albert Camus vor. Germain verändert sich unter Marguerittes Einfluss: Plötzlich denkt er nach, entdeckt die Lust am Lesen, hinterfragt das Leben und findet dafür ganz neue Worte. Der 10. Satz auf Seite 158 lautet:

Ich habe mir gesagt, dass das wirklich eine gottverdammte Scheißkrankheit ist … Der Herr möge mir verzeihen, aber Ihm haben wir das ja zu verdanken.

Marie-Sabine Roger – Das Labyrinth der Wörter

Im Blog Ich lese von Rina bin ich auf den Saturday Sentence aufmerksam geworden, den die Lesefee ins Leben gerufen hat. Die Regeln für den Saturday Sentence lauten:

  • Samstags posten
  • Blättere auf Seite 158 in dem Buch, das Du gerade liest, und notiere den 10. Satz
  • Im E-Book wähle die Position 158 aus
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