Gelesen: T. C. Boyle – América

Im Nachhinein versuchte er, sich die Sache in abstrakten Begriffen zu erklären, als Unfall in einer unfallträchtigen Welt, als Kollision gegenläufiger Kräfte.

T. C. Boyle – América

Der Einwanderer Cándido rennt in Los Angeles Delaney Mossbacher vor dessen „wachsgepflegte“ Karre und haut ihm den Blinker raus. Weit mehr Schaden erleidet der illegal in Kalifornien lebende Mexikaner. Delaney drückt ihm 20 Dollar Entschädigung in die blutverschmierte Hand.

Ich sage dir doch – es war ein Mexikaner.

T. C. Boyle – América

Der US-amerikanische Autor Tom Coraghessan Boyle, Jahrgang 1948, lässt in América zwei Welten aufeinanderprallen. Und es kracht gewaltig. Boyle erzählt abwechselnd aus der Perspektive Cándidos, der mit seiner erst 17 Jahre alten Frau América ohne feste Perspektive und Dach über dem Kopf in einem Canyon haust, und aus der Sicht des Angloamerikaners Delaney Mossbacher, der mit seiner karrierebewussten Frau in einem perfekten Zuhause lebt.

Und auf einmal wurde es Delaney klar, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: der Einkaufswagen, die Tortillas, der Pfad in den Cañon hinab – der Mann campte da unten, das war es! Er campte, lebte, hauste dort. Machte die Bäume und Sträucher, die ganze Wildnis des Topanga State Park zu seiner Privatwohnung, kackte in die Büsche, kippte seinen Müll hinter die Felsen, vergiftete den Bach und ruinierte die Natur für alle anderen.

T. C. Boyle – América

Der Orignaltitel des Buches lautet The Tortilla Curtain (Der Tortilla Vorhang) und meint die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Der Roman erschien 1995 zu einem Zeitpunkt, als die Grenze noch durchlässig war. Die Geschichte hat in 25 Jahren nichts an Brisanz verloren. Cándidos Schicksal steht hochaktuell für die Situation vieler Flüchtlinge.

T. C. Boyle - América

Cándido gelangt mit seiner Frau über jene Grenze in die USA. Die beiden sind getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land der „gabachos“. Als Tagelöhner nehmen sie jede niedere, ausbeuterische Arbeit an, nur um irgendwann, irgendwann in schrecklich weiter Zukunft ein Dach über dem Kopf zu haben, ein Zimmer, eine Toilette, eine Dusche, etwas zu Essen. Grundlegende menschliche Bedürfnisse:

Mit bleiernen Füßen wankte er am Postamt vorbei, die Landenfronten entlang, an den hellen Fenstern vorbei, den sauber aufgereihten Autos, den Symbolen des Reichtums, der rings um ihn herum gedieh, aber doch so unerreichbar war wie der Mond. Und worum ging es bei alledem? Um Arbeit, sonst nichts. Um das Recht zu arbeiten, einen Job zu haben, sich das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf zu verdienen. Er wurde zum Verbrecher allein dadurch, dass er es wagte, das ebenfalls zu wollen […]

T. C. Boyle – América

Boyle legt dem glücklosen Cándido auf 389 Buchseiten keine Steine in den Weg; es sind Felsbrocken. Ganze Gesteinshalden. Amerika wird für ihn zum Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Immer in Angst vor „La Migra“, der Einwanderungsbehörde, die mit ihren „kotzegrünen“ Lastern Illegale einsammeln. Boyles Sprache ist direkt. Er beschreibt die Dinge in ihrer blanken entsetzlichen Krassheit und Wahrheit. Cándido erbricht sich nicht. Boyle lässt ihn kotzen. Nicht einmal. Zweimal. So richtig. Bis die Galle kommt. Bis ihm alles hochkommt: das karge Frühstück – die ganze Scheiße seines Lebens. Cándido und América hausen schlimmer als die Tiere im Canyon. Sie haben kaum etwas zu fressen, sind Wildtieren, Wetter und bedrohlichen Menschen ausgeliefert, die sie ihrer Würde berauben. Und als endlich ein kleiner Funken Hoffnung in Cándido aufkeimt, entfacht dieses kleine Fünkchen ein Feuerinferno, das den ganzen staubtrockenen Canyon in ein fürchterliches Flammenmeer apokalyptischen Ausmaßes stürzt. Auch dies brandaktuell: Man denkt zwangsläufig an die schrecklichen kalifornischen Feuer, die man in den Nachrichten sieht.

Auf der anderen Seite, oben, steht Delaney Mossbacher. Er ist Journalist und schreibt Naturkolumnen für ein Magazin. Seine Frau Kyra ist Maklerin für Luxusimmobilien. Sie leben in den Hügeln in einer teuren Wohnanlage mit Tennis- und Golfplatz und bewohnen eines der gleichförmigen Häuser im „spanischen Missionsstil“. Ihr Sohn wird mit allen lebenswichtigen Vitaminen versorgt, und auch der Katze und den beiden Hunden Osbert und Sacheverell fehlt es an nichts. Delaney Mossbacher ist ein umweltbewusster, liberaler Mensch, schließlich war er gegen das bewachte Einfahrtstor zur Wohnanlage. Nun überlegt die Nachbarschaft, die Schutzmaßnahmen zu verstärken:

[…] und noch ein paar andere hielten es für eine gute Idee, rings um die ganze Wohnanlage eine Mauer hochzuziehen- nicht nur um Vorfälle wie diesen zu verhindern und Schlangen, Taschenratten und ähnliches Ungeziefer fernzuhalten […]

T. C. Boyle – América

Kyras und Delaneys vermeintlich heile Welt gerät ins Wanken. Wie Cándido und América erleben auch sie ihr Armageddon. Die Katastrophen entbehren nicht einer abstrusen Situationskomik: „Oh nein, das gibt es doch nicht!“, gehen die Augen auf, und schwupps reißt ein Kojote Hund Sacheverell im heimischen Garten – trotz eines zweieinhalb Meter hohen Maschendrahtzauns. Delaney bleibt nur die blutige Pfote des niedlichen Hündchens, die er mahnend auf der Eigentümerversammlung erhebt:

Ich sagte, ich wollte nur mal wissen , wie viele von euch hier wissen, was passieren kann, wenn ihr die Kojotenpopulation dieser Gegend füttert…

T. C. Boyle – América

In Wahrheit soll die Mauer nicht nur die Kojoten abhalten, sondern Unbefugte, Einbrecher, Vandalen, Einwanderer, Mexikaner. Keine Mauer aber kann hoch genug sein gegen die inneren Barrieren eines Menschen. Kyras und Delaneys tolerante Einstellung weicht im Verlauf der Geschichte einer gewissen ambivalenten Haltung:

‚Also‘, sagte Kyra gerade und hob ein Stück Tofu mit Austernpilzen zum Mund, ‚ich bin gar nicht stolz darauf oder so – ich weiß auch, wie du darüber denkst, und es stimmt ja auch, dass jedermann ein Recht auf Arbeit und einen anständigen Lebensstandard hat, aber es sind einfach zu viele, sie überrennen uns, unsere Schulen, das Wohlfahrtssystem, die Gefängnisse, und jetzt die Straßen…‘ Sie kaute nachdenklich.

T. C. Boyle – América

Die Wege Cándidos und Delaneys kreuzen sich mehrfach. Delaney entwickelt zunehmend Ablehnung, Wut, gar Hass auf die Mexikaner, namentlich auf „seinen Mexikaner“:

Er schob die Patronen in die geradezu genial dafür entworfenen Schlitze, jede einzelne glitt mit einem präzisen, todbringenden Klick hinein, und er wusste, dass er das Ding nie benutzen, es nie abfeuern würde, niemals – aber würde es aus dem Holster ziehen, in all seiner tödlich blitzenden Schönheit, und es auf diesen ausländischen schwarzäugigen Schachtelteufel von Vandalen richten, bis die Polizei kam und ihn dorthin brachte, wo er hingehörte.

T. C. Boyle – América
Mein Fazit

América, der Name von Cándidos Frau, steht gleichsam für Amerika. Boyle setzt aus den Splittern des kaputten Blinkers raffiniert einen Spiegel zusammen, den er Amerika, den USA, der Gesellschaft, allen vorhält. Es ist ein blendender, reflektierender Spiegel. Ein Spiegel, an dem man sich schneiden kann. Boyle erwischt seine Leser unter Garantie: Schlimmstenfalls in seinem möglichen Rassismus, seiner Fremdenfeindlichkeit, seiner Angst oder Unbehagen, wenigstens aber in einer gewissen Unsicherheit gegenüber Fremden. T. C. Boyle setzt – wachsgepflegt – raffiniert fiese Spitzen in Adjektiven.

Als Delaney eine kitschig-romantische Naturbetrachtung aus der Sicht eines Pilgers verfasst, sieht man unweigerlich den armen Cándido im Canyon hocken, allen Widrigkeiten der Natur und menschlichen Umwelt ausgeliefert. Kurz vor dem Verrecken, ums nackte Überleben kämpfend. Welch ein Hohn, und Delaney sammelt Material für eine Artikelserie über „eingeschleppte Arten und Populationskonflikte“. Die Parallelen zu den eingewanderten Menschen sind offensichtlich: Der Kojote wird zur Metapher für den/die Mexikaner.

Boyle holt die (illegalen) Einwanderer aus der Masse, entkriminalisiert sie, gibt ihnen durch Cándido und América eine Stimme. Er verleiht ihnen ein Gesicht, macht sie zum Individuum, zu Menschen aus Fleisch und Blut, Tränen und Schweiß, mit Hoffnungen und Ängsten. Dieser Boyle ist einfach packend.

Das Ende ist dramatisch, halb offen, aber mit einer eindeutigen Botschaft. América sollte Pflichtlektüre im Weißen Haus werden. Auf diese Bibel sollten (amerikanische) Präsidenten schwören.

[Saturday Sentence] América

Saturday Sentence 2: T. C. Boyle – América //

Der Saturday Sentence stammt dieses Mal aus dem Roman América von T. C. Boyle. Die Aufgabe der Mitmachaktion lautet: Blättere in Deinem Buch auf Seite 158 und notiere den 10. Satz.

Darum geht es bei T. C. Boyle

Der illegal in Los Angeles lebende Einwanderer Cándido rennt Delaney Mossbacher vor seine „wachsgepflegte“ Karre und haut ihm den Blinker raus. Weit mehr Schaden erleidet der Mexikaner. Delaney drückt ihm 20 Dollar Entschädigung in die blutverschmierte Hand. Boyle lässt zwei Welten aufeinanderprallen. Er erzählt abwechselnd aus der Sicht Cándidos, der mit seiner Frau ohne feste Perspektive und Dach über dem Kopf in einem Canyon haust, und der liberalen angloamerikanischen Familie Mossbacher in ihrem perfekten Zuhause mit Kind und den Hunden Osbert und Sacheverell. América, das ist der Name von Cándidos Frau und steht gleichsam für Amerika, die USA. Boyle hält der Gesellschaft einen bitterkomischen Spiegel vor. Der 10. Satz auf Seite 158 lautet:

Aber es war keine Schlange, und sie musste über sich lachen, als die erste von ein paar Wachteln mit wackelndem schieferfarbenem Kopf durch das rote Laub über den Pfad raschelte.

T. C. Boyle – América

Im Blog Ich lese von Rina bin ich auf den Saturday Sentence aufmerksam geworden, den die Lesefee ins Leben gerufen hat. Die Regeln für den Saturday Sentence lauten:

  • Samstags posten
  • Blättere auf Seite 158 in dem Buch, das Du gerade liest, und notiere den 10. Satz
  • Im E-Book wähle die Position 158 aus
Blogaktion Saturday Sentence