Gelesen: Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom

Der Psychoanalytiker Irvin D. Yalom befasst sich in seinem 1992 erschienenen Roman Und Nietzsche weinte mit den Anfängen der Psychoanalyse. Dramaturgischen Pfiff erzielt der Autor indem er Josef Breuer und Friedrich Nietzsche aufeinandertreffen lässt. Die Zeitgenossen sind sich im wahren Leben nie begegnet, doch ein Thema eint sie: die Obsession für eine Frau. Der Arzt und der Philosoph setzen sich in schmerzvollen Gesprächen mit ihrer Verzweiflung auseinander, wobei Nietzsche die Rolle des Arztes, Breuer die des Patienten einzunehmen scheint. Als Nebenfigur und Breuers Schützling wirkt Sigmund Freud, der kurze Zeit später die Psychoanalyse begründen sollte.

Taschenbuchausgabe von Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom

Fin de siècle, 1882: Die junge Russin Lou Salomé sucht den bekannten Wiener Arzt Josef Breuer auf. Ihr Anliegen ist ebenso dringend wie ungewöhnlich: Breuer soll ihren Freund Friedrich Nietzsche von der Verzweiflung kurieren!

Es gibt keine Arznei gegen die Verzweiflung, keinen Arzt für die Seele.

Breuer in Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom

Lou Salomé beharrt, sie habe von Breuers Erfolgen einer neuartigen „Redekur“ gehört, die er bei seiner Patientin Anna O. angewandt habe. Wahrhaftig, Breuer entdeckte, dass ein (körperliches) Symptom von selbst verschwindet, nachdem die Patientin über dessen auslösende (psychische) Ursache gesprochen hat. Wenn man nun Verzweiflung als Symptom betrachte? Die Freidenkerin Salomé drängt Breuer, seine Methode auch bei Nietzsche anzuwenden. Zögerlich willigt der Arzt ein. Mit einer List lotsen sie Nietzsche in Breuers Praxis. Der Kranke soll keinesfalls erfahren, dass Salomé vermittelt hat, denn Nietzsche leidet, seit sie seinen Heiratsantrag abgewiesen hat. Kein Arzt konnte bislang Nietzsche nachhaltig helfen, seine Krankenakte ist umfangreich. Der depressive Philosoph leidet vordergründig an einer Fülle von körperlichen Symptomen, besonders unter quälender Migräne. Nietzsche mag nicht so recht reden und zieht sich zurück, sobald Breuer sich ihm seelisch nähern will. So nutzt der Arzt einen Kniff: er bittet Nietzsche, ihn von seiner Obsession für seine Patientin Anna O. zu heilen. Bald scheint der tatsächlich verzweifelte Breuer weniger Arzt als Patient, während Nietzsche sich als Therapeut bei der Anwendung dieser „gänzlich neuen Wissenschaft, der Diagnostik der Verzweiflung“ nicht schlecht macht.

Ich kuriere keine Verzweiflung, Doktor Breuer, ich studiere sie. Verzweiflung ist der Preis, den man für die Selbsterkenntnis zu zahlen hat. So tief man in das Leben sieht, so tief sieht man in das Leiden.

Nietzsche in Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom
Fazit

Und Nietzsche weinte ist ein aufschlussreiches Lehrstück über Psychologie und eignet sich zum Einstieg ins Thema. Yalom, Jahrgang 1931, schildert anhand seiner Protagonisten in eleganter und klarer Sprache anschaulich das Wesen der Psychoanalyse. Der erfahrene Us-amerikanische Psychotherapeut verwebt wahre Lebensumstände der Persönlichkeiten mit Fiktion und klärt darüber in einem Nachwort auf. Aber wie gut hätten Gespräche zwischen den beiden von Liebeskummer geplagten Männern psycho-logisch exakt wie geschildert ablaufen können und wie sehr hätten Breuer und Nietzsche von ihren tiefgründigen Gesprächen profitieren können? Man bedauert, dass sich die beiden nie getroffen haben, und so bleibt dem Leser, an den gedachten Gesprächen Breuers und Nietzsches zu partizipieren und ihrerseits zu profitieren.

Irvin D. Yaloms Probanden gehen in ihren Dialogen dem Übel auf den Grund, was auch ein bisschen Arbeit für den Leser bedeutet, denn eine Psychoanalyse bedeutet unbedingt Arbeit, Denkarbeit: schwere Arbeit an sich selbst, um die eigenen „Mitternächte der Seele“ – wie Nietzsche es nennt – zu ergründen. Yaloms Werk ist kein Leitfaden der Sorte Wie Sie in 5 einfachen Schritten sich selbst erkennen. So steht die hart erarbeitete Erkenntnis am Ende  – und einige Tränen. Noch über allem steht Nietzsches Credo: „Werde, der du bist.“ Keiner jedoch scheint mehr Mühe damit zu haben als Nietzsche selbst.

Persönliches Fazit

Ohne Colin Farrell hätte ich das Buch womöglich nicht entdeckt. Er nennt Und Nietzsche weinte eines seiner Lieblingsbücher. So hat Farrell mich fast schicksalhaft zu einem Werk geführt, dessen Inhalt mich ungemein tangiert. Das oben abgebildete Mini-Taschenbuch mit 630 Seiten war zum Schluss vollgespickt mit Lesezeichen. Yaloms gehaltvoller Roman hat mir vor allem bestimmte bereits vorhandene eigene Erkenntnis bestätigt. Dieser Umstand stellt eine gewisse Wohltat für mich dar, zu wissen, dass meine Schlussfolgerungen in eigener Sache nicht irrig sind. Erkenntnis ist das eine, die Lösung eines Problems das andere. Länger schon halte ich es mit Fjodor Dostojewski, dessen Protagonist in Aufzeichnungen aus dem Kellerloch zu dem Schluss kommt, dass die Erkenntnis an sich eine Krankheit sei. Diese auch Aufzeichnungen aus dem Untergrund genannte Niederschrift eines Mannes mittleren Alters die eigene Existenz betreffend schätzte schon Nietzsche. Auch Yalom zitiert an einer Stelle kurz aus Dostojewskis empfehlenswerten Roman. Bleibt mir, keine Farrell-Obsession zu entwickeln und mich den Worten von Yaloms Nietzsche anzuschließen: „Im Grunde kann keiner dem anderen helfen, immer muss man Kraft finden, sich selbst zu helfen.“ Vielen Dank, Colin Farrell!

Desperation will allow you to do incredible things in the name of survival.

Der Schauspieler Colin Farrell

Gesehen: Sörensen hat Angst

Manchmal sind Fernsehfilme großes Kino und manchmal besser: Die ARD zeigt mit Sörensen hat Angst einen emotionalen und beeindruckend dargestellten Krimi mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle, der erstmals auch Regie führte. Der Kriminalhauptkommissar Sörensen (Bjarne Mädel) lässt sich aus Hamburg in die kleine friesische Ortschaft Katenbüll versetzen in der Hoffnung, seiner Arbeit weniger nervenaufreibend nachgehen zu können und mehr Ruhe zu finden. Sörensen leidet nämlich an einer ausgeprägten Angststörung.

Das persönliche Drama des Kommissars läuft ab wie ein zweiter Film im eigentlichen Film – nebenher, ohne unterzugehen. Dringlich, aber unaufdringlich, ohne um den heißen Brei herumzureden: Angst ist Angst bei Sörensen, um nicht zu sagen blanke Angst mit allem, was dazugehören kann: Er kotzt, hat Herzrasen, er zittert und krümmt sich, Umgebungsgeräusche irritieren ihn im höchsten Maße. Mädel gelingt es, einen Mann mit echter Scheißangst treffend darzustellen. Ein Mann, der mit sich ringt, aber trotz seiner Ängste versucht, aufrecht zu bleiben und das Leben anzugehen.

Sein neuer Wirkungskreis empfängt Sörensen passend zu seiner Stimmung mit regnerischer Tristesse. Mit Ausnahme eines Hundes, der immer wieder vor Sörensens Tür sitzt, erweisen sich die Menschen im hohen Norden kühl bis abweisend. Schafe halten das Deichgras kurz. Der Blick geht weit raus. Doch mit der Ruhe wird es nichts für Sörensen, denn auf dem platten Land tun sich düstere Abgründe auf: Bürgermeister Hinrichs ist erschossen worden. Sörensen nimmt mit seinen neuen Kollegen Jenny Holstenbeck (Katrin Wichmann) und Malte Schuster (Leo Meier) die Arbeit auf. Bald stehen drei Männer im Fokus der Ermittlungen – und zwei Kinder.

Die Psychologie menschlicher Abgründe und Leiden spielt eine tragende Rolle in dem Fernsehkrimi. Matthias Brandt als Frieder Marek imponiert als desillusionierter Säufer, der als Alibi angibt, sich zur Tatzeit „auf dem Boden von so ’ner Flasche“ befunden zu haben. Marion Breckwoldt hat als Bäuerin einen kurzen heftigen Auftritt, einen heftig komischen. Die Kamera spiegelt die depressive Stimmung, die Bildsprache verstärkt und stützt das gesprochene Wort. Die ruhige Kameraführung erschüttert umso mehr, wenn Sörensen zittert auf den Boden sackt und die Linse die Qual still und ungerührt einfängt. Trotzdem wartet der Film mit einigen humorigen Szenen auf.

Der Ort Katenbüll ist fiktiv. Im Film ist er im Landkreis Brake (Unterweser) angesiedelt. Gedreht worden ist der Fernsehfilm unter anderem in Varel, Bremerhaven, Burhave und Butjadingen. Sörensen hat Angst basiert auf dem gleichnamigen Hörspiel und Roman von Sven Stricker. Der Film ist aktuell in der ARD-Mediathek abrufbar.

Was mir gefallen hat in Sörensen hat Angst
  • Szene: Gespräch zwischen Sörensen und Jenny im Deichkrug. Sörensen bringt der Bäuerin den Hund zurück. Gespräch zwischen Sörensen und Marek vor der Garage im Regen.
  • Zitat von Sörensen: „Bei meinem Vornamen waren vielleicht auch Drogen mit im Spiel.“
  • Zitat von Sörensen: „[…] Wie soll ich das denn alles schaffen. ich schaff‘ das alles gar nicht. Gar nichts schaff‘ ich mehr. Das schlimmste ist immer der nächste Tag. Ja, dann wirst du krank, kriegst keine Luft mehr, bist erschöpft andauernd – immer öfter […]“
  • Du brauchst zum Filmgucken: Einen treuen Hund, Galgenhumor, Lorazepam, Kaffee Latte mit doppeltem Espresso, Labskaus, ’nen Kaktus und Gummistiefel.
Filmdaten
  • D, 2021
  • Regie: Bjarne Mädel
  • Drehbuch: Sven Stricker
  • Länge: 89 Minuten
  • Stars: Bjarne Mädel (Sörensen), Katrin Wichmann (Jenny Holstenbeck), Leo Maier (Malte Schuster), Matthias Brandt (Frieder Marek), Peter Kurth (Jens Schäffler), Anne Ratte-Polle (Hilda Hinrichs) u.v.a.

Angelesen: Gérard Depardieu – Ailleurs

Gérard Depardieu veröffentlicht mit Ailleurs (Anderswo) sein nunmehr fünftes Buch. Ailleurs ist keine Autobiografie, sondern vereint Gedanken und Ansichten des berühmten französischen Schauspielers über Gott und die Welt. Der Klappentext gibt die Richtung vor:

Je suis parfois un innocent, parfois un monstre. Tout ce qui est entre les deux ne m’intéresse pas. Tout ce qui est entre les deux est corrompu. Seuls l’ innocent et le monstre sont libres. Ils sont ailleurs.

Manchmal bin ich ein Unschuldiger, manchmal ein Monster. Alles dazwischen interessiert mich nicht. Alles dazwischen ist verdorben. Nur der Unschuldige und das Monster sind frei. Sie sind anderswo.

Gérard Depardieu – Ailleurs
Gérard Depardieus Buch Ailleurs

Depardieu hat für seine Gedanken keine Feder zur Hand genommen, sondern sich den Verlegern Jean-Maurice Belayche und Arnaud Hofmarcher anvertraut, die mit Depardieu im Laufe eines Jahres an verschiedenen Orten in Frankreich gesprochen und seine Worte zu Papier gebracht haben. Somit ist Depardieus Sprache unverfälscht eingefangen worden:

Ce que la vie nous offre est infini. On ne le prend que rarement. On préfère se poser des questions. On est formaté pour ça. Et pourtant la vie est simple. Mais on lui résiste. Elle nous fait peur. On ne la comprend pas […]

Was uns das Leben bietet ist unendlich. Wir nehmen es nur selten (an). Wir stellen lieber Fragen. Wir sind darauf konditioniert worden. Dabei ist das Leben einfach, aber wir wehren uns dagegen. Es macht uns Angst. Wir verstehen es nicht.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Der Begriff Anderswo beziehungsweise Woanders (Ailleurs) taucht in verschiedenen Kontexten auf und bildet den roten Faden im Verlauf des Buches. Für Depardieu liegt dieses Anderswo sowohl an anderen Orten und in fernen Ländern als auch im Inneren einer Person im Sinne eines anderen Denkens und Fühlens. Er findet es auch in der Musik oder Natur. Es kann überall sein, denn jenes Anderswo könne man direkt bei sich um die Ecke finden. Dieses Anderswo kann zudem etwas (noch) Unbekanntes oder Unvertrautes sein.

[…] L’aventure, c’est aller plus loin. Et avant tout en soi-même. C’est un chemin à l’envers. Il faut passer un sas en soi. Pour être plus libre encore. Devant l’Ailleurs, on est souvent d’abort comme un enfant qui veut toucher un animal pour la première fois […]


Abenteuer bedeutet, weiter zu gehen. Vor allem in sich selbst. Es ist ein Weg zur Schattenseite. Man muss in sich eine Schleuse passieren, um noch freier zu sein. Vor diesem Anderswo steht man häufig zuerst wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Tier berühren möchte.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Der inzwischen 71 Jahre alte Gérard Depardieu für sich genommen ist ein komplexes Anderswo, ein Freidenker, ein Wissender und Zweifler, Optimist und Pessimist, ambivalent und unkonventionell. Depardieu, das ist Weisheit und Wahnwitz, Psychologie und Philosophie, Poesie und Provokation auf 214 Taschenbuchseiten. Depardieus Ansichten über Menschen, Frankreich, Religionen und das (politische) Weltgeschehen kommen ungebremst und ungefiltert daher, weshalb er auch polarisieren kann.

La France est cassé. Les gens y sont tristes. On sent qu’ils ont peur de tout, qu’ils ne font que se débattre. Certains deviennent haineux. Je n’aime pas ce que je vois ici.


Frankreich ist zerrissen (kaputt). Die Menschen hier sind traurig. Man spürt, dass sie vor all dem Angst haben und sich bloß durchkämpfen. Manche werden hasserfüllt (boshaft). Mir gefällt nicht, was ich hier sehe.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Ailleurs erschien am 8. Oktober 2020 im Pariser Verlag Cherche-Midi und ähnelt im Stil Depardieus Buch Monstre (Monster) von 2017. Im Jahr 2015 erschien Innocent (Unschuldig), 2014 Ça s’est fait comme ça (Es hat sich so ergeben). 1988 kam Depardieus erstes Werk Lettre volées heraus. Darin schrieb er Gestohlene Briefe an seine Mutter und Vater, Pierre Richard, seinen engen Freund und Schauspielkollegen Jean Carmet, an die Natur oder die Arbeit.

Ça m’arrive de plus en plus quand je m’endors de me dire que peut-être je ne réveillerai pas. et quand je me réveille, je me dis: Merde, je me suis réveillé. Ce qu’il fraudrait, c’est rester dans cette paix du sommeil. Sans plus de pensées, de questions, sans plus de guerres en soi.


Wenn ich mich schlafen lege, passiert es mir zunehmend, dass ich mir sage, dass ich vielleicht nicht wieder aufwachen werde. Und wenn ich aufwache sage ich mir: Scheiße, ich bin aufgewacht. Man sollte in diesem Frieden des Schlafes verbleiben – ohne Gedanken, Fragen und ohne die Kriege in einem selbst.

Gérard Depardieu – Ailleurs
Übersetzungen: Seelenkompott

Die Bürde des Lebens

Erstens, weil ich zu dem Wissen gelangt bin, dass das Schicksal und die Bürde des Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten; wenn der Versuch gemacht wird, sie abzuschütteln, so kehren sie nur mit neuem und fürchterlichem Druck zu uns zurück.

Aus Dr. Jekyll & Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson

Gelesen: Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein älterer Psychotherapeut sehnt seinen Ruhestand herbei und rechnet aus, wieviele Patientengespräche er bis dahin noch führen muss. Je weniger, desto besser, denn der Arzt ist wenig motiviert und aufmerksam bei der Sache:

Die morgendlichen Gespräche vergingen, ohne dass auch nur einer meiner Patienten es vermocht hätte, mich zu überraschen oder mein Interesse zu wecken.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Da ist zum Beispiel die lärmende Madame Almeida, die sich wie eine hysterische Henne gebärdet und bloß herumschimpft. Der Doktor lässt Madames Tiraden annähernd wortlos über sich ergehen und zeichnet nebenher heimlich kleine Vogelskizzen.

Anne Catherine Bomann - Agathe
Der Therapeut

Die 1983 geborene Dänin Anne Cathrine Bomann siedelt die Geschichte im Jahre 1948 an. Der knapp 72-jährige Psychiater praktiziert seit Jahrzehnten in einem Vorort von Paris. Die Stadt hat er nie verlassen. Der scheue Arzt lebt allein und zurückgezogen in immer der gleichen Wohnung. Mit seinem Nachbarn hat er noch nie ein Wort gewechselt. Durch die Geräusche, die durch die Wand zu ihm hindurchdringen, fühlt er sich dem unbekannten Mann verbunden. Ein wenig Freude hat der Doktor an klassischer Musik und einer guten Tasse Tee. Seine Knochen schmerzen, und er macht sich sorgenvoll Gedanken über das Älterwerden. Seine Tage verlaufen stets gleich zwischen Frühstück und kargem Abendbrot. Der Psychotherapeut ist depressiv und zeigt alle Anzeichen einer handfesten seelischen Krise:

Was, wenn sich herausstellte, dass das Dasein außerhalb der Mauern meiner Praxis ebenso sinnlos war wie hier drinnen? Wie oft hatte ich mir die Klagen meiner Patienten angehört und mich gefreut, dass ihr Leben nicht das meine war? […] All die Jahre war ich überzeugt gewesen, dass das richtige Leben, die Belohnung für all die Mühsal mit dem Eintritt in den Ruhestand auf mich wartete.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der Therapeut ahnt, dass sich seine Hoffnung nicht ohne Weiteres erfüllen wird. Und wo er es noch nicht weiß, sprechen seine Angstzustände eine deutliche Sprache zu ihm. Der Arzt fürchtet die Einsamkeit und sagt sich:

Wie armselig, ich bin genau wie sie.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Genau wie sie – seine Patienten. Der Psychotherapeut gehört selber auf die Couch. Bomann lässt ihn die Geschichte aus seiner Perspektive erzählen. Es ist seine eigene Geschichte, die persönlichen Gedanken und Gefühle eines Therapeuten, die unter allen Umständen gegenüber seinen Patienten im Dunkeln bleiben müssen, will er professionell arbeiten. Der Psychotherapeut bleibt namenlos als existiere er gar nicht. Er scheint seine inneren Vorgänge ebenso schwer fassen zu können wie seine Patienten und gleichsam zu verharren. Er befindet sich in einer unlösbaren Starre. Der Therapeut ist körperlich wie seelisch arretiert. Eine bezeichnende Erstausgabe von Sartres Der Ekel liegt seit langem unangetastet neben seinem Platz.

Es irritiert, dass Bomann, selbst Psychologin, in ihrem Debütroman einen Kollegen derart ins Wanken geraten lässt. Warum vermag der erfahrene Psychotherapeut sich nicht selbst zu helfen? Vielleicht aber kann auch ein depressiver Therapeut seinen Patienten helfen wie ein Friseur mit strähnigen Haaren trotzdem virtuos frisieren und ein Modeschöpfer in verschlissener Kleidung ein prachtvolles Abendkleid entwerfen kann. In Agathe steht der Mensch in seinem Menschlichsein im Vordergrund, und Menschen sind manchmal hilflos und verzweifelt.

Agathe

Die einzige menschliche Konstante im Leben des Therapeuten ist seine Sekretärin Madame Surrugue. Es passt ihm gar nicht, dass sie in seinem letzten halben Arbeitsjahr noch eine neue Patientin annimmt. Agathe ist Deutsche, 38 Jahre alt und besteht dringend auf einen Termin bei ihm. Sie ist so blass, als wäre jegliches Leben aus ihr gewichen. Und sie hat allen Grund, einen Therapeuten zu benötigen. Mehr noch braucht sie einen Menschen, der sich ihrer annimmt. Ihr Leidensweg ist lang, die Einträge in ihrer Krankenakte reichen von manisch-depressiv über selbstverletzendes Verhalten bis hin zu einer nicht ganz auszuschließenden Psychose. Agathe macht sich keine Illusionen über die Therapie. Sie will nur „irgendwie zurechtkommen“. Auf keinen Fall will sie wieder in eine Klinik:

Ich werde mich weder einweisen lassen, noch Medikamente nehmen. Ich brauche jemanden zum Reden und habe beschlossen, dass Sie derjenige sein sollen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Agathe sieht sich einen kleinen Koffer herumtragen, der gefüllt scheint, doch in Wahrheit völlig leer ist. Der Arzt spürt bei Agathes Worten Beklemmungen in der Brust, bevor er realisiert: auch er trägt solch einen leeren Koffer mit sich herum. Sie sagt:

Es ist eine einsame Sache, nicht zu leben. Wie wenn man anderen beim Spielen zusieht, während man selbst das Bein gebrochen hat.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der alte Mann findet mehr und mehr Gefallen an den Gesprächen mit Agathe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mit Agathe in die für Psychotherapeuten heikle Situation der Gegenübertragung gerät. Sie gewinnt für ihn an Bedeutung. Agathe rührt und berührt den Therapeuten und bewegt etwas in ihm. Er spürt an ihr seine eigenen Nöte und Bedürfnisse. Sie ahnt, dass ihr Doktor eine Last mit sich herumträgt und konfrontiert ihn. Agathe ist anders als seine anderen Patienten, es scheint eine beinahe schicksalhafte Begegnung zwischen ihnen. Der Psychotherapeut spricht seine Empfindungen für Agathe keinesfalls aus, denn er weiß:

Dann öffnete ich die Augen. So durfte ich nicht denken. Agathe war meine Patientin, ich war ihr Arzt, und meine Aufgabe war es, ihr zu helfen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe
Mein Fazit

Bomann zeigt auf: Für Veränderung ist es nie zu spät. Der Therapeut räumt schließlich nicht nur seine Wohnung auf. Er dringt im sechsten Gespräch zu Agathe durch, die ihm Schreckliches offenbart, wo er es wohl schon ahnte. Er hilft Madame Surrugue in einer persönlichen Angelegenheit. Und es ist nie zu spät, einmal einen Apfelkuchen zu backen.

Die Autorin erzählt in leisen und reduzierten Sätzen auf nur 155 Seiten. Anne Cathrine Bomann hat in das schmale Büchlein eine gewichtige Geschichte über menschliche Nöte gepackt, ohne den Leser am Ende hoffnungslos zurückzulassen. Die Psychologin lässt Raum, das Geschehen zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen – dort, wo die unausgesprochenen Dinge stehen, zu denen auch die Frage gehört: Wo liegen die Grenzen einer Therapie? Wo die Grenzen zwischen Therapeut und Patient? Agathes Doktor überlegt:

Vielleicht war es schlichtweg unmöglich, hier in der Praxis eine echte Verbindung zu schaffen, wo ein Mensch einen anderen fürs Zuhören bezahlte und der Patient per Definition krank war, während ich auf dem Heilmittel saß.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein Konflikt – für Therapeut und Patient. Wie und wo die Grenze zwischen professionell und menschlich ziehen? Wie beides auseinanderhalten? Ist die Grenze zwischen Therapeut und Patient schlichte Notwendigkeit oder eigentliche Tragik? Trennen Grenzen nicht?