Gelesen: Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein älterer Psychotherapeut sehnt seinen Ruhestand herbei und rechnet aus, wieviele Patientengespräche er bis dahin noch führen muss. Je weniger, desto besser, denn der Arzt ist wenig motiviert und aufmerksam bei der Sache:

Die morgendlichen Gespräche vergingen, ohne dass auch nur einer meiner Patienten es vermocht hätte, mich zu überraschen oder mein Interesse zu wecken.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Da ist zum Beispiel die lärmende Madame Almeida, die sich wie eine hysterische Henne gebärdet und bloß herumschimpft. Der Doktor lässt Madames Tiraden annähernd wortlos über sich ergehen und zeichnet nebenher heimlich kleine Vogelskizzen.

Anne Catherine Bomann - Agathe
Der Therapeut

Die 1983 geborene Dänin Anne Cathrine Bomann siedelt die Geschichte im Jahre 1948 an. Der knapp 72-jährige Psychiater praktiziert seit Jahrzehnten in einem Vorort von Paris. Die Stadt hat er nie verlassen. Der scheue Arzt lebt allein und zurückgezogen in immer der gleichen Wohnung. Mit seinem Nachbarn hat er noch nie ein Wort gewechselt. Durch die Geräusche, die durch die Wand zu ihm hindurchdringen, fühlt er sich dem unbekannten Mann verbunden. Ein wenig Freude hat der Doktor an klassischer Musik und einer guten Tasse Tee. Seine Knochen schmerzen, und er macht sich sorgenvoll Gedanken über das Älterwerden. Seine Tage verlaufen stets gleich zwischen Frühstück und kargem Abendbrot. Der Psychotherapeut ist depressiv und zeigt alle Anzeichen einer handfesten seelischen Krise:

Was, wenn sich herausstellte, dass das Dasein außerhalb der Mauern meiner Praxis ebenso sinnlos war wie hier drinnen? Wie oft hatte ich mir die Klagen meiner Patienten angehört und mich gefreut, dass ihr Leben nicht das meine war? […] All die Jahre war ich überzeugt gewesen, dass das richtige Leben, die Belohnung für all die Mühsal mit dem Eintritt in den Ruhestand auf mich wartete.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der Therapeut ahnt, dass sich seine Hoffnung nicht ohne Weiteres erfüllen wird. Und wo er es noch nicht weiß, sprechen seine Angstzustände eine deutliche Sprache zu ihm. Der Arzt fürchtet die Einsamkeit und sagt sich:

Wie armselig, ich bin genau wie sie.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Genau wie sie – seine Patienten. Der Psychotherapeut gehört selber auf die Couch. Bomann lässt ihn die Geschichte aus seiner Perspektive erzählen. Es ist seine eigene Geschichte, die persönlichen Gedanken und Gefühle eines Therapeuten, die unter allen Umständen gegenüber seinen Patienten im Dunkeln bleiben müssen, will er professionell arbeiten. Der Psychotherapeut bleibt namenlos als existiere er gar nicht. Er scheint seine inneren Vorgänge ebenso schwer fassen zu können wie seine Patienten und gleichsam zu verharren. Er befindet sich in einer unlösbaren Starre. Der Therapeut ist körperlich wie seelisch arretiert. Eine bezeichnende Erstausgabe von Sartres Der Ekel liegt seit langem unangetastet neben seinem Platz.

Es irritiert, dass Bomann, selbst Psychologin, in ihrem Debütroman einen Kollegen derart ins Wanken geraten lässt. Warum vermag der erfahrene Psychotherapeut sich nicht selbst zu helfen? Vielleicht aber kann auch ein depressiver Therapeut seinen Patienten helfen wie ein Friseur mit strähnigen Haaren trotzdem virtuos frisieren und ein Modeschöpfer in verschlissener Kleidung ein prachtvolles Abendkleid entwerfen kann. In Agathe steht der Mensch in seinem Menschlichsein im Vordergrund, und Menschen sind manchmal hilflos und verzweifelt.

Agathe

Die einzige menschliche Konstante im Leben des Therapeuten ist seine Sekretärin Madame Surrugue. Es passt ihm gar nicht, dass sie in seinem letzten halben Arbeitsjahr noch eine neue Patientin annimmt. Agathe ist Deutsche, 38 Jahre alt und besteht dringend auf einen Termin bei ihm. Sie ist so blass, als wäre jegliches Leben aus ihr gewichen. Und sie hat allen Grund, einen Therapeuten zu benötigen. Mehr noch braucht sie einen Menschen, der sich ihrer annimmt. Ihr Leidensweg ist lang, die Einträge in ihrer Krankenakte reichen von manisch-depressiv über selbstverletzendes Verhalten bis hin zu einer nicht ganz auszuschließenden Psychose. Agathe macht sich keine Illusionen über die Therapie. Sie will nur „irgendwie zurechtkommen“. Auf keinen Fall will sie wieder in eine Klinik:

Ich werde mich weder einweisen lassen, noch Medikamente nehmen. Ich brauche jemanden zum Reden und habe beschlossen, dass Sie derjenige sein sollen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Agathe sieht sich einen kleinen Koffer herumtragen, der gefüllt scheint, doch in Wahrheit völlig leer ist. Der Arzt spürt bei Agathes Worten Beklemmungen in der Brust, bevor er realisiert: auch er trägt solch einen leeren Koffer mit sich herum. Sie sagt:

Es ist eine einsame Sache, nicht zu leben. Wie wenn man anderen beim Spielen zusieht, während man selbst das Bein gebrochen hat.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der alte Mann findet mehr und mehr Gefallen an den Gesprächen mit Agathe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mit Agathe in die für Psychotherapeuten heikle Situation der Gegenübertragung gerät. Sie gewinnt für ihn an Bedeutung. Agathe rührt und berührt den Therapeuten und bewegt etwas in ihm. Er spürt an ihr seine eigenen Nöte und Bedürfnisse. Sie ahnt, dass ihr Doktor eine Last mit sich herumträgt und konfrontiert ihn. Agathe ist anders als seine anderen Patienten, es scheint eine beinahe schicksalhafte Begegnung zwischen ihnen. Der Psychotherapeut spricht seine Empfindungen für Agathe keinesfalls aus, denn er weiß:

Dann öffnete ich die Augen. So durfte ich nicht denken. Agathe war meine Patientin, ich war ihr Arzt, und meine Aufgabe war es, ihr zu helfen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe
Mein Fazit

Bomann zeigt auf: Für Veränderung ist es nie zu spät. Der Therapeut räumt schließlich nicht nur seine Wohnung auf. Er dringt im sechsten Gespräch zu Agathe durch, die ihm Schreckliches offenbart, wo er es wohl schon ahnte. Er hilft Madame Surrugue in einer persönlichen Angelegenheit. Und es ist nie zu spät, einmal einen Apfelkuchen zu backen.

Die Autorin erzählt in leisen und reduzierten Sätzen auf nur 155 Seiten. Anne Cathrine Bomann hat in das schmale Büchlein eine gewichtige Geschichte über menschliche Nöte gepackt, ohne den Leser am Ende hoffnungslos zurückzulassen. Die Psychologin lässt Raum, das Geschehen zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen – dort, wo die unausgesprochenen Dinge stehen, zu denen auch die Frage gehört: Wo liegen die Grenzen einer Therapie? Wo die Grenzen zwischen Therapeut und Patient? Agathes Doktor überlegt:

Vielleicht war es schlichtweg unmöglich, hier in der Praxis eine echte Verbindung zu schaffen, wo ein Mensch einen anderen fürs Zuhören bezahlte und der Patient per Definition krank war, während ich auf dem Heilmittel saß.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein Konflikt – für Therapeut und Patient. Wie und wo die Grenze zwischen professionell und menschlich ziehen? Wie beides auseinanderhalten? Ist die Grenze zwischen Therapeut und Patient schlichte Notwendigkeit oder eigentliche Tragik? Trennen Grenzen nicht?

Sentences from my book: Wenn der Schläfer erwacht

Die Sentences from my book stammen dieses Mal aus dem Roman Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells. Bei dieser Blogaktion werden die ersten drei Sätze der aktuellen Buchseite vorgestellt.

Der Schläfer von H. G. Wells
Darum geht es bei H. G. Wells

Der junge Engländer Graham fällt gegen Ende des Viktorianischen Zeitalters in einen dornröschenähnlichen Schlaf. Er erwacht 203 Jahre später im 22. Jahrhundert. Die Welt ist nicht mehr die, die er kannte. Aus dem Fenster erblickt er gigantische Gebäude und Straßen, die sich etagenweise bewegen. Graham wird mit „Sire“ angesprochen. Es wird angedeutet, dass er durch Erbschaft und Vermehrung des Kapitals im Laufe der Jahre überaus vermögend ist. Graham nimmt eine besondere Stellung ein.

Ein Schneider präsentiert ihm Gewänder auf einem Gerät in Größe einer Taschenuhr. Auf dem „Ziffernblatt“ erscheinen bewegte Bilder, und es scheint, Wells nimmt in seinem Roman aus dem Jahr 1899 eine Smartwatch voraus. Die Gesellschaft hat sich ebenfalls stark verändert. Grahams Fragen werden ausweichend beantwortet. Man sagt ihm, dass gerade soziale Unruhen herrschen. Graham bemerkt, dass sein Aufwachen in der Bevölkerung Aufsehen erregt. Die Menschen versammeln sich und wollen ihn sehen. Graham wird fortgebracht, angeblich zu seinem Schutz, doch er fühlt sich bald als Gefangener. Graham steht im Zentrum einer Revolution.

Im Klappentext heißt es: „Mit diesem wahrhaft prophetischen Werk beweist H. G. Wells einmal mehr, dass er der Mann war, ‚der gestern alles von übermorgen wusste‘.“ Auf Seite 124 blickt Wells in die Zukunft:

Mit dem stetig steigenden Lebensstandard und den ebenso stetig wachsenden Ansprüchen des Großstädters war gleichzeitig das Leben auf dem Land immer teurer geworden, immer abgeschiedener und immer weniger reizvoll. Den Vikar und den Gutsherrn gab es nicht mehr, und den Landarzt hatte der Facharzt in der Stadt abgelöst; das hatte dem Dorf schließlich den letzten Anflug von Kultur genommen. Nachdem Telephon, Kinematograph und Phonograph die Zeitung, das Buch, den Lehrer und den Brief verdrängt hatten, lebte man dort, wo es keinen Stromanschluss gab, als isolierter Barbar.

H. G. Wells – Wenn der Schläfer erwacht

Im Blog Ich lese von Rina bin ich auf die Mitmachaktion Sentences from my book gestoßen. Die Blogaktion stammt von Manuelas Seite Mamenus Bücher.

Die Regeln lauten:

  • Montags posten
  • Die ersten drei Sätze aus dem Buch, das Du gerade liest
  • Es sollen die ersten drei Sätze der Seite sein, auf der Du Dich gerade befindest
Aktion Sentences from my book

Saturday Sentence: Lord Byron

Der Saturday Sentence stammt heute aus Engel und Teufel in einer Gestalt – Heldenhafte Einsamkeiten. Das Buch versammelt Texte des Dichters Lord Byron. Die Aufgabe der Mitmachaktion lautet: Blättere in Deinem Buch auf Seite 158 und notiere den 10. Satz.

Lord Byron - Engel und Teufel
Darum geht es bei Lord Byron

Lord Byron kam als George Gordon Noel Byron am 22. Januar 1788 in London zur Welt und gehört zu den bedeutendsten Dichtern der englischen Romantik. Er litt unter einem Klumpfuß, doch nicht allein dieser Umstand machte ihn zu einer auffälligen Persönlichkeit. Byron führte ein unstetes Leben, halb auf der Flucht, weil er nicht in seine Zeit passte. Die Gesellschaft achtete ihn nicht, denn Byron unterhielt hetero- wie homosexuelle Beziehungen, darunter eine Liebschaft zu seiner Halbschwester.

Der Klappentext des Buches sagt über den Dichter: „Lord Byron war ein Exzentriker, ein Abenteurer, er brach jedes Tabu. Er wurde ein Star.“ Byrons überbordende Gefühle durchdringen sein schriftstellerisches Schaffen: „Seine Werke sind so erotisch wie exotisch, so originell wie revolutionär, sie transportieren, was als Byronscher Weltschmerz berühmt geworden ist“, heißt es zum Buch. Byron engagierte sich für die griechische Unabhängigkeit und starb 1824 in Mesolongi in Westgriechenland. Die abgebildete Ausgabe enthält Gedichte, Erzählungen, Auszüge aus Briefen und Tagebucheinträgen. Der 10. Satz auf Seite 158 lautet:

Aber, vorwärts! – die Zeit zum Handeln ist gekommen, und was bedeutet die eigene Person, wenn ein einziger Funke dessen, was der Vergangenheit würdig wäre, unauslöschlich der Zukunft vermacht werden kann.

Tagebucheintrag Lord Byrons vom 9. Januar 1821

Im Blog Ich lese von Rina bin ich auf den Saturday Sentence aufmerksam geworden, den die Lesefee ins Leben gerufen hat. Die Regeln für den Saturday Sentence lauten:

  • Samstags posten
  • Blättere auf Seite 158 in dem Buch, das Du gerade liest, und notiere den 10. Satz
  • Im E-Book wähle die Position 158 aus
Blogaktion Saturday Sentence

Berlingish

Als er den Film „Großstadtschmetterling“ mit der Amerikanerin Anna May Wong drehte, verständigte er sich mit ihr in einer abenteuerlichen Sprache: „Anna, look uff mir! Ick bin dein father! Und denn setzte dir down – und immer feste eat!“

Aus Grethe Weiser – Herz mit Schnauze von Hans Borgelt