Seelische Impotenz

Ich merkte, dass ich immer weniger, immer schwächer begehrte, dass eine Art Erstarrung in mein Gefühl gekommen war, dass ich – vielleicht ist es am besten so ausgedrückt – an einer seelischen Impotenz, einer Unfähigkeit zur leidenschaftlichen Besitznahme des Lebens litt.

Aus Amok – Erzählung Phantastische Nacht, Niederschrift eines Barons, veröffentlicht von Stefan Zweig

Gelesen: Serotonin von Michel Houellebecq

Menschen, die an einer Depression leiden, haben neben dem Mangel an Lebensfreude wahrscheinlich zu wenig Serotonin im Körper. Vereinfacht gesagt wirkt sich das Hormon auf die Stimmung aus und lässt sich mit der Gabe von Tabletten beeinflussen, wobei dies mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen einhergehen kann. Michel Houellebecq spinnt diese sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer in seinem Roman Serotonin weiter. 

Es ist eine kleine weiße, ovale, teilbare Tablette

Michel Houellebecq – Serotonin

Der 46 Jahre alte Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste beginnt mit seiner Morgenroutine: Kaffee, Zigarette, eine Captorix. In dieser Reihenfolge. Das neuartige Antidepressivum ist eine fiktive Weiterentwicklung des Autors. Der Stimmungsaufheller gelte als sehr wirksam, ohne „den Hang zu Selbstmord und Selbstverstümmelung“ zu verstärken. Nebenwirkungsfrei sei Captorix dennoch nicht, denn „Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz“ können auftreten.

Roman Serotonin von Michel Houellebecq

Bei Florent-Claude läuft unter Captorix sexuell nichts mehr. Auch sonst befindet er sich im Leerlauf. Er mag weder seinen Namen noch seine gut bezahlte Arbeit im Landwirtschaftsministerium als Experte für das französische Agrarwesen. Florent bricht mit allem, steigt aus. Er kündigt seinen Job, verlässt seine verhasste Pariser Wohnung im Totem-Hochhaus nebst japanischer Freundin, von der er wie von einer Nutte spricht und einzig ihre sexuelle Verfügbarkeit rühmt. Im Prinzip sind Frauen Schlampen aus Sicht Florents, und hätte eine Frau mehr als drei Körperöffnungen, Houellebecq würde sie detailliert beschreiben.

Konnte ich in der Einsamkeit glücklich sein? Ich bezweifelte es. Konnte ich überhaupt glücklich sein? Ich glaube, das ist die Art von Frage, die man sich besser nicht stellen sollte.

Michel Houellebecq – Serotonin

Florent ist schwer depressiv, richtig krank. Die kleine weiße Tablette hilft ihm gerade so durch den Tag und versetzt ihn in die Lage, sich minimal der Körperpflege zu widmen. Er mietet ein Hotelzimmer in der Nähe eines Supermarkts, der seine liebsten Hummus-Sorten führt. Florent glotzt Fernsehen, hockt im Café, raucht und grübelt. Er denkt über seine Vergangenheit und die Frauen in seinem Leben nach. Und obwohl Florent ein Leidender ist, kommt schwerlich Mitleid mit ihm auf. Er ist nicht allein unsympathisch, weil er abwertend über Frauen spricht, sondern weil er insgesamt gefühllos und kalt erscheint. Er berichtet über sich und die Geschehnisse in seiner Umgebung als distanzierter Beobachter, kühl und sachlich wie ein Unbeteiligter, und damit hält er seine Mitmenschen und Leser auf Abstand. Eigentlich muss Florent gerade deswegen bedauert werden: weil er nicht fähig ist, Glück, Freude, Nähe und vielleicht sogar wahre Liebe zu empfinden – Merkmale einer Depression. 

Zwischen den Zeilen ist Florents Bedauern und seine Trauer über die gescheiterte Beziehung zu Camille zu spüren. Er konnte es nicht sein lassen, sie zu betrügen. Nun hat sie von einem anderen ein Kind. In einem abstrusen Szenario beobachtet Florent Camille und ihr Kind aus der Ferne – bewaffnet mit einem Gewehr, das er minutenlang auf den Vierjährigen richtet und überlegt abzudrücken, um Camille zurückzugewinnen. 

War es vorstellbar, dass Camille mir zuliebe diese perfekte und symbiotische Beziehung zu ihrem Sohn aufs Spiel setzte? Und war es vorstellbar, dass er, der Junge, die Zuneigung seiner Mutter mit einem anderen Mann teilen würde? Die Antwort auf die Fragen war leider offensichtlich und die Lösung unausweichlich: entweder er oder ich.

Michel Houellebecq – Serotonin

Alles oder nichts: Florent hat nichts und niemanden mehr. Er ist einsam. Mit seinem Sterne-SUV macht er sich auf den Weg in die Normandie und besucht seinen Studienfreund Aymeric. Der ist Landwirt und wie Florent am Ende, persönlich wie (land)wirtschaftlich, denn die Lage der Bauern ist verheerend. Auflagen, Quoten, Billigimporte und ausländische Investoren zwingen immer mehr Landwirte in die Knie. Die beiden trinken, erzählen und hören Pink Floyd, wobei nur Houellebecq weiß, weshalb er Aymeric das Album Ummagumma, die „Scheibe mit der Kuh“, auflegen lässt, während die Kuh das Cover von Atom Heart Mother ziert. Jedenfalls eine schöne Metapher oder Doppelmetapher: Ummagumma ist ein umgangssprachliches Wort aus Cambridge für Geschlechtsverkehr beziehungsweise Sex. 

Aymeric vermietet nebenbei Ferienbungalows, um sich über Wasser zu halten. Einen dieser Bungalows bezieht Florent, und in dieser Zeit erhält er ein Gewehr von seinem Freund und übt sich im Schießen – genügend Seevögel flattern ja herum an der rauen Küste der Normandie. Der Extreme nicht genug: In einem Nachbarbungalow beobachtet Florent einen Mann, der von einem jungen Mädchen besucht wird. Es ist ein Pädophiler. Florent dringt in dessen Bungalow ein und entdeckt entsprechendes Filmmaterial, das Houellebecq dezidiert beschreibt. Derweil proben Aymeric und seine Kollegen den Aufstand. Die Landwirte organisieren eine Trecker-Blockade. Die Demonstration gipfelt in einem tragischen Finale, in dessen Zentrum Aymeric steht. Florent beobachtet die Szenerie aus der Ferne und wird für den Leser zum Reporter des Dramas.

Gott ist ein mittelmäßiger Drehbuchschreiber, das ist die Überzeugung, zu der mich meine fast fünfzigjährige Existenz gebracht hat, Gott ist mittelmäßig, seine gesamte Kreation trägt das Mal des Ungefähren und des Misserfolgs, wo nicht schlichtweg der Bosheit, sicher gibt es Ausnahmen, die gibt es zwangsläufig, die Möglichkeit des Glücks muss weiterbestehen, und sei es nur als Köder, aber ich schweife ab […]

Michel Houellebecq – Serotonin

Florent wird sein persönliches Scheitern in Beziehungs- und Liebesdingen am Ende nicht heilen können. Houellebecq lässt seinen Protagonisten zum Schluss in seiner neuen Hochhauswohnung über Proust, Thomas Mann und Goethe – „einer der grauenvollsten Schwafler der Weltliteratur“ – sinnieren und mit hoher Mathematik ausrechnen, wie lange es wohl vom Fenster seine Apartments aus dauern wird, bis er unten auf dem Betonboden aufklatscht. Da will einer sterben. So ist das eben.

Es ist eine kleine, weiße, ovale, teilbare Tablette. Sie erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert. Was endgültig war, lässt sie vergehen; was unumgänglich war, macht sie unwesentlich. Sie liefert eine neue Interpretation des Lebens – weniger reichhaltig, künstlicher und von einer gewissen Unbeweglichkeit geprägt. Sie bietet weder irgendeine Form von Glück noch auch nur tatsächlichen Trost […] 

Michel Houellebecq – Serotonin
Mein Fazit

Mit Serotonin verabreicht Houellebecq eine bittere Pille, die spürbar Wirkung im Körper entfaltet. Der 65-jährige Franzose beschreibt durch den depressiven Florent, dessen Freund Aymeric und die Situation der Landwirte die Depression eines ganzen Landes, wenn nicht Europas. Houellebecqs Sprache ist elegant, umso krasser wirken die extremen Situationen und werden noch gesteigert durch Florents praktisch emotionslosen Report. Auf diese Weise treten die persönlichen Gefühle des Lesers ungehindert hervor. Und da kann alles dabei sein: von A wie angewidert bis Z wie zermürbt. Mir scheint dies ein geschicktes Stilmittel des Autors, aber auch treffendes Kennzeichen einer Depression, Florents Depression.

Serotonin enthält meines Erachtens auch Kritik an Antidepressiva und liest sich so gesehen als sehr ausführlicher Beipackzettel mit (Warn)hinweisen zu Wirkung und (möglichen) Nebenkwirkungen dieser Psychopharmaka. Und Serotonin zeigt auf, dass eine Depression eine ernste Erkrankung ist, die tödlich enden kann. Man kann sich über Houellebecq aufregen oder nicht. In Serotonin hat er gewichtige und Zeit-wichtige Themen aufgegriffen. Houellebecq beschreibt Dinge, die es gibt. Unschöne Dinge. Das muss und kann nicht bequem sein. Es gibt Depressionen, Menschen, die sterben wollen, Menschen, die andere betrügen und beschissen über Frauen sprechen, es gibt Pädophile und es gibt Bauern, die am Abgrund stehen. Houellebecq schreibt das. Gut so.

Gottes Kreation

Gott ist ein mittelmäßiger Drehbuchschreiber, das ist die Überzeugung, zu der mich meine fast fünfzigjährige Existenz gebracht hat, Gott ist mittelmäßig, seine gesamte Kreation trägt das Mal des Ungefähren und des Misserfolgs, wo nicht schlichtweg der Bosheit, sicher gibt es Ausnahmen, die gibt es zwangsläufig, die Möglichkeit des Glücks muss weiterbestehen, und sei es nur als Köder, aber ich schweife ab […]

Aus Serotonin von Michel Houellebecq

Bill Murray visualisiert Depression

Bill Murray veranschaulicht eindrucksvoll Depression //

Wie kann man eine Depression erklären? Bill Murray ist hier in Broken Flowers zu sehen. Murray bringt Depression in Jim Jarmuschs Film eindrucksvoll ohne Worte zum Ausdruck:

Der Schriftsteller Stefan Zweig hat in Rausch der Verwandlung folgende Worte gefunden, die den Zustand einer Depression recht passend beschreiben:

Jede Materie trägt bestimmtes Maß der Spannung in sich, über die hinaus sie Steigerung nicht mehr zulässt, das Wasser seinen Siedepunkt, die Metalle ihren Schmelzpunkt, und auch die Elemente der Seele entgehen nicht diesem unumstößlichen Gesetz. Freude kann einen Grad erreichen, in dem jedes Dazu nicht mehr fühlbar wird, und ebenso Schmerz, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Ekel und Angst. Einmal bis zum Rande gefüllt nimmt das innere Gefäß keinen Tropfen Welt mehr in sich hinein

Aus Rausch der Verwandlung von Stefan Zweig