After Yang – Kogonada schickt Colin Farrell auf Seelenexploration

Der aus Südkorea stammende US-amerikanische Regisseur Kogonada schickt Colin Farrell in After Yang auf eine stille emotionale Reise zu sich selbst. Die tiefgehende Seelenschau eines Familienvaters wird ausgelöst durch die im elektronischen Gedächtnis gespeicherten Daten des humanoiden Hausroboters, und diese Erinnerungen scheinen zutiefst menschlich.

Jake (Farrell) führt ein Teegeschäft und lebt mit seiner Familie in einem von Joseph Eichler entworfenen Haus in naher Zukunft. Selbstfahrende Autos und geklonte Menschen sind Realität, ebenso humanoide Roboter. Jake hat mit seiner Frau Kyra (Jodie Turner-Smith) Tochter Mika (Malea Emma Tjandrawidjaja) adoptiert und für sie den Techno-Sapien namens Yang (Justin H. Min) ins Haus geholt, damit dieser Mika etwas über ihre chinesischen Wurzeln und Kultur beibringen kann und ihr Gesellschaft leistet. Und so soll Yang selbstverständlich mit auf das Familienfoto. Die emotionale Bindung der Familie zu ihrem Roboter wird umso deutlicher, als Yang Fehlfunktionen erleidet und offenbar nicht mehr zu reparieren ist. Die kleine Mika ist verzweifelt, alle wollen Yang zurückhaben, doch Jake bleibt nur Yangs Gedächtnisspeicher. 

Mit einer speziellen Brille kann er die darauf enthaltenen Erinnerungen sichten und sein eigenes Leben Revue passieren lassen. Vielmehr noch erkennt er, was ihm im Leben entgangen ist und inwieweit er von seiner Familie distanziert ist. Oft sind es nur kurze Erinnerungsfetzen Yangs von einem Regenbogen, die Frau, die das Kind auf dem Arm trägt oder ein Schmetterling, der davonfliegt. Jake begibt sich auf eine intensive Exploration in sein Inneres. Und der Zuschauer reist mit, zwangsläufig, in sein eigenes Inneres. Aber das eigene Selbst kann so weit entfernt liegen wie ein unerforschter Exoplanet – vielleicht für immer unerreichbar.

Ich sprach davon, dass Yang „Fehlfunktionen erleidet“. Ein Mensch kann leiden. Eine Maschine auch? Auf seiner Erkundung durch die Erinnerungen des Roboters erfährt Jake, dass Yang den Wunsch hatte, echte Erinnerungen und Gefühle, so wie sie Menschen haben, empfinden zu können. Yang ist von einem Menschen kaum zu unterscheiden, trotzdem handelt es sich nur um die schlichte – und fantastische – Funktion seiner lernfähigen KI: In einer philosophischen Teezeremonie zwischen Jake und Yang wirkt der Roboter wissbegierig wie ein Mensch und gelangt zu der Erkenntnis: „Eine Tasse Tee kann die Welt enthalten!“ Und ich möchte einmal mehr mit Colin Farrell Tee trinken:

Der kontemplative, stille und melancholische Science-Fiction-Film ist nach Columbus erst der zweite Film von Kogonada und basiert auf der Kurzgeschichte Saying Goodbye to Yang von Alexander Weinstein, enthalten in der Kurzgeschichtensammlung Children of the New World. In den USA kam After Yang im März 2022 in die Kinos. Ob und wann der Film in deutschen Kinos zu sehen sein wird, ist bislang unbekannt.  

And it’s all very simple, little snippets, three-second snippets of simple things in nature. And it just made me think about my life and my children and the loves that I have and loves that I’ve lost and the loves that I’m going to lose and all that kind of stuff. And what I leave behind. And will somebody cry when I’m gone? And all that self-interested stuff, even what it is to be a human being. That’s an incredibly profound thing.

Colin Farrell