Gelesen: Serotonin von Michel Houellebecq

Menschen, die an einer Depression leiden, haben neben dem Mangel an Lebensfreude wahrscheinlich zu wenig Serotonin im Körper. Vereinfacht gesagt wirkt sich das Hormon auf die Stimmung aus und lässt sich mit der Gabe von Tabletten beeinflussen, wobei dies mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen einhergehen kann. Michel Houellebecq spinnt diese sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer in seinem Roman Serotonin weiter. 

Es ist eine kleine weiße, ovale, teilbare Tablette

Michel Houellebecq – Serotonin

Der 46 Jahre alte Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste beginnt mit seiner Morgenroutine: Kaffee, Zigarette, eine Captorix. In dieser Reihenfolge. Das neuartige Antidepressivum ist eine fiktive Weiterentwicklung des Autors. Der Stimmungsaufheller gelte als sehr wirksam, ohne „den Hang zu Selbstmord und Selbstverstümmelung“ zu verstärken. Nebenwirkungsfrei sei Captorix dennoch nicht, denn „Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz“ können auftreten.

Roman Serotonin von Michel Houellebecq

Bei Florent-Claude läuft unter Captorix sexuell nichts mehr. Auch sonst befindet er sich im Leerlauf. Er mag weder seinen Namen noch seine gut bezahlte Arbeit im Landwirtschaftsministerium als Experte für das französische Agrarwesen. Florent bricht mit allem, steigt aus. Er kündigt seinen Job, verlässt seine verhasste Pariser Wohnung im Totem-Hochhaus nebst japanischer Freundin, von der er wie von einer Nutte spricht und einzig ihre sexuelle Verfügbarkeit rühmt. Im Prinzip sind Frauen Schlampen aus Sicht Florents, und hätte eine Frau mehr als drei Körperöffnungen, Houellebecq würde sie detailliert beschreiben.

Konnte ich in der Einsamkeit glücklich sein? Ich bezweifelte es. Konnte ich überhaupt glücklich sein? Ich glaube, das ist die Art von Frage, die man sich besser nicht stellen sollte.

Michel Houellebecq – Serotonin

Florent ist schwer depressiv, richtig krank. Die kleine weiße Tablette hilft ihm gerade so durch den Tag und versetzt ihn in die Lage, sich minimal der Körperpflege zu widmen. Er mietet ein Hotelzimmer in der Nähe eines Supermarkts, der seine liebsten Hummus-Sorten führt. Florent glotzt Fernsehen, hockt im Café, raucht und grübelt. Er denkt über seine Vergangenheit und die Frauen in seinem Leben nach. Und obwohl Florent ein Leidender ist, kommt schwerlich Mitleid mit ihm auf. Er ist nicht allein unsympathisch, weil er abwertend über Frauen spricht, sondern weil er insgesamt gefühllos und kalt erscheint. Er berichtet über sich und die Geschehnisse in seiner Umgebung als distanzierter Beobachter, kühl und sachlich wie ein Unbeteiligter, und damit hält er seine Mitmenschen und Leser auf Abstand. Eigentlich muss Florent gerade deswegen bedauert werden: weil er nicht fähig ist, Glück, Freude, Nähe und vielleicht sogar wahre Liebe zu empfinden – Merkmale einer Depression. 

Zwischen den Zeilen ist Florents Bedauern und seine Trauer über die gescheiterte Beziehung zu Camille zu spüren. Er konnte es nicht sein lassen, sie zu betrügen. Nun hat sie von einem anderen ein Kind. In einem abstrusen Szenario beobachtet Florent Camille und ihr Kind aus der Ferne – bewaffnet mit einem Gewehr, das er minutenlang auf den Vierjährigen richtet und überlegt abzudrücken, um Camille zurückzugewinnen. 

War es vorstellbar, dass Camille mir zuliebe diese perfekte und symbiotische Beziehung zu ihrem Sohn aufs Spiel setzte? Und war es vorstellbar, dass er, der Junge, die Zuneigung seiner Mutter mit einem anderen Mann teilen würde? Die Antwort auf die Fragen war leider offensichtlich und die Lösung unausweichlich: entweder er oder ich.

Michel Houellebecq – Serotonin

Alles oder nichts: Florent hat nichts und niemanden mehr. Er ist einsam. Mit seinem Sterne-SUV macht er sich auf den Weg in die Normandie und besucht seinen Studienfreund Aymeric. Der ist Landwirt und wie Florent am Ende, persönlich wie (land)wirtschaftlich, denn die Lage der Bauern ist verheerend. Auflagen, Quoten, Billigimporte und ausländische Investoren zwingen immer mehr Landwirte in die Knie. Die beiden trinken, erzählen und hören Pink Floyd, wobei nur Houellebecq weiß, weshalb er Aymeric das Album Ummagumma, die „Scheibe mit der Kuh“, auflegen lässt, während die Kuh das Cover von Atom Heart Mother ziert. Jedenfalls eine schöne Metapher oder Doppelmetapher: Ummagumma ist ein umgangssprachliches Wort aus Cambridge für Geschlechtsverkehr beziehungsweise Sex. 

Aymeric vermietet nebenbei Ferienbungalows, um sich über Wasser zu halten. Einen dieser Bungalows bezieht Florent, und in dieser Zeit erhält er ein Gewehr von seinem Freund und übt sich im Schießen – genügend Seevögel flattern ja herum an der rauen Küste der Normandie. Der Extreme nicht genug: In einem Nachbarbungalow beobachtet Florent einen Mann, der von einem jungen Mädchen besucht wird. Es ist ein Pädophiler. Florent dringt in dessen Bungalow ein und entdeckt entsprechendes Filmmaterial, das Houellebecq dezidiert beschreibt. Derweil proben Aymeric und seine Kollegen den Aufstand. Die Landwirte organisieren eine Trecker-Blockade. Die Demonstration gipfelt in einem tragischen Finale, in dessen Zentrum Aymeric steht. Florent beobachtet die Szenerie aus der Ferne und wird für den Leser zum Reporter des Dramas.

Gott ist ein mittelmäßiger Drehbuchschreiber, das ist die Überzeugung, zu der mich meine fast fünfzigjährige Existenz gebracht hat, Gott ist mittelmäßig, seine gesamte Kreation trägt das Mal des Ungefähren und des Misserfolgs, wo nicht schlichtweg der Bosheit, sicher gibt es Ausnahmen, die gibt es zwangsläufig, die Möglichkeit des Glücks muss weiterbestehen, und sei es nur als Köder, aber ich schweife ab […]

Michel Houellebecq – Serotonin

Florent wird sein persönliches Scheitern in Beziehungs- und Liebesdingen am Ende nicht heilen können. Houellebecq lässt seinen Protagonisten zum Schluss in seiner neuen Hochhauswohnung über Proust, Thomas Mann und Goethe – „einer der grauenvollsten Schwafler der Weltliteratur“ – sinnieren und mit hoher Mathematik ausrechnen, wie lange es wohl vom Fenster seine Apartments aus dauern wird, bis er unten auf dem Betonboden aufklatscht. Da will einer sterben. So ist das eben.

Es ist eine kleine, weiße, ovale, teilbare Tablette. Sie erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert. Was endgültig war, lässt sie vergehen; was unumgänglich war, macht sie unwesentlich. Sie liefert eine neue Interpretation des Lebens – weniger reichhaltig, künstlicher und von einer gewissen Unbeweglichkeit geprägt. Sie bietet weder irgendeine Form von Glück noch auch nur tatsächlichen Trost […] 

Michel Houellebecq – Serotonin
Mein Fazit

Mit Serotonin verabreicht Houellebecq eine bittere Pille, die spürbar Wirkung im Körper entfaltet. Der 65-jährige Franzose beschreibt durch den depressiven Florent, dessen Freund Aymeric und die Situation der Landwirte die Depression eines ganzen Landes, wenn nicht Europas. Houellebecqs Sprache ist elegant, umso krasser wirken die extremen Situationen und werden noch gesteigert durch Florents praktisch emotionslosen Report. Auf diese Weise treten die persönlichen Gefühle des Lesers ungehindert hervor. Und da kann alles dabei sein: von A wie angewidert bis Z wie zermürbt. Mir scheint dies ein geschicktes Stilmittel des Autors, aber auch treffendes Kennzeichen einer Depression, Florents Depression.

Serotonin enthält meines Erachtens auch Kritik an Antidepressiva und liest sich so gesehen als sehr ausführlicher Beipackzettel mit (Warn)hinweisen zu Wirkung und (möglichen) Nebenkwirkungen dieser Psychopharmaka. Und Serotonin zeigt auf, dass eine Depression eine ernste Erkrankung ist, die tödlich enden kann. Man kann sich über Houellebecq aufregen oder nicht. In Serotonin hat er gewichtige und Zeit-wichtige Themen aufgegriffen. Houellebecq beschreibt Dinge, die es gibt. Unschöne Dinge. Das muss und kann nicht bequem sein. Es gibt Depressionen, Menschen, die sterben wollen, Menschen, die andere betrügen und beschissen über Frauen sprechen, es gibt Pädophile und es gibt Bauern, die am Abgrund stehen. Houellebecq schreibt das. Gut so.

Gelesen: H. G. Wells – Wenn der Schläfer erwacht

Der 1866 geborene Brite H. G. Wells bezeichnete Wenn der Schläfer erwacht als scientific romance. Das Frühwerk Wells‘ ist nicht so bekannt wie Die Zeitmaschine oder Der Krieg der Welten, gleichwohl geht der Leser mit dem Schläfer auf ein fantastisches Science-Fiction-Abenteuer.

Der Schläfer von H. G. Wells

Das Bild auf dem Cover der oberhalb gezeigten Taschenbuch-Ausgabe heißt Pilot im Cockpit des Alien-Wracks und stammt von H. R. Giger.

Der Reiz des Romans liegt darin, dass Wells 1899 Dinge voraussah, die gut 100 Jahre später Realität werden sollten – fast:

Mit dem stetig steigenden Lebensstandard und den ebenso stetig wachsenden Ansprüchen des Großstädters war gleichzeitig das Leben auf dem Land immer teurer geworden, immer abgeschiedener und immer weniger reizvoll. Den Vikar und den Gutsherrn gab es nicht mehr, und den Landarzt hatte der Facharzt in der Stadt abgelöst; das hatte dem Dorf schließlich den letzten Anflug von Kultur genommen. Nachdem Telephon, Kinematograph und Phonograph die Zeitung, das Buch, den Lehrer und den Brief verdrängt hatten, lebte man dort, wo es keinen Stromanschluss gab, als isolierter Barbar.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Der junge Engländer Graham fällt gegen Ende des Viktorianischen Zeitalters in einen dornröschenähnlichen Schlaf und erwacht 203 Jahre später im 22. Jahrhundert. Die Welt ist nicht mehr die, die er kannte. London ist zu einer grell erleuchteten Megacity mit 33 Millionen Einwohnern geworden. Graham blickt auf gigantische Gebäude aus modernen Materialien und ein Straßengeflecht, das sich etagenweise bewegt:

Auf dieser Fahrbahn standen Bänke, hie und da auch kleine Kioske, aber sie fegten zu rasch vorbei, als dass er hätte sehen können, was sich darin befand. Von dieser höchsten und schnellsten Bahn führte eine Reihe anderer bis zur Straßenmitte hinunter; jede bewegte sich merklich langsamer als die nächsthöhere, so dass man ohne Schwierigkeiten von einer Fahrbahn zur nächsten umsteigen konnte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Von beweglichen Straßen in luftiger Höhe sind wir zwar noch entfernt, aber zeitlich befinden wir uns ungefähr in der Mitte von Wells‘ Visionen, von denen einige bereits wahr geworden sind. Im Laufe seines langen, tiefen Schlafes ist Grahams Vermögen durch glückliche Investitionen seiner Verwalter so enorm angewachsen, dass ihm nicht weniger als die Hälfte der Welt gehört. Graham wird mit „Sire“ angesprochen und nimmt eine besondere Stellung ein. Ein Schneider präsentiert ihm Gewänder auf einem Gerät in Größe einer Taschenuhr:

Er drückte auf einen Knopf. Auf dem Zifferblatt erschien eine winzige Gestalt in weißer Seide, die herumspazierte und sich drehte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Wells scheint eine Smartwatch vorauszunehmen. Im Verlauf der Geschichte entdeckt man mit Graham allerlei Technik des modernen Menschen. Unweigerlich denkt man bei den Beschreibungen Wells‘ an Flugzeuge und Hubschrauber, und es werden Flachbildschirme, Fernseher, Radio und Kino angedeutet. Medizin und Psychologie haben enorme Fortschritte gemacht. Die „Schwätzmaschine“ ist so etwas wie die heutigen sozialen Netzwerke und berieselt die Menschen unaufhörlich mit Neuigkeiten. Wells beschreibt die Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie:

Und über das ganze Land hin, wo es einst Farmen mit ihren Hecken und Bäumen gab, Dörfer mit Gasthöfen und Kirchen, standen nun auf jedem Hügel, wie Symbole der neuen Zeit, gigantische Windräder und speicherten unablässig die Kraft, die das Stromnetz der Stadt belieferte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

So fantastisch die technischen Errungenschaften, so erschreckend sind für Graham die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Seine Fragen werden ausweichend beantwortet. Man sagt ihm nur, dass gerade soziale Unruhen herrschen. Doch schlimmer: Es herrscht ein diktatorischer „Oberster Rat“, der die arme Masse der Bevölkerung, die vielen Arbeiter in blauer Einheitskleidung, unterdrückt. Graham, der sich Demokratie in einer Welt ohne Kriege erträumte, erkennt, dass er zwischen den Mächtigen im Zentrum einer Revolution steht. Denn manches ändert sich vielleicht nie, so schildert ihm eine junge Frau:

Der Mensch ist heute nicht frei, er ist nicht größer, nicht besser geworden, als er zu Ihrer Zeit war. Diese Stadt ist ein Gefängnis. Und die Gier nach Geld beherrscht alles. Milliarden Menschen plagen sich ein ganzes Leben lang, ohne die Früchte ihrer Arbeit ernten zu können. Soll das immer so weitergehen?

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells
Mein Fazit

Herbert George Wells entwirft auf 228 Seiten eine düstere Dystopie. Er legt den Schwerpunkt der Geschichte – gleichsam als Mahnung – auf die soziale Entwicklung der Gesellschaft und das Bestreben der Oberen, mit allen Mitteln ihre Macht zu erhalten. So ist Graham gezwungen, Position zu beziehen und den Kampf aufzunehmen. Das liest sich an manchen Stellen etwas zäh, fast langweilig. Auch hatte ich bei Wells Schwierigkeiten, aus seinen Beschreibungen ein Bild zu formen und eine Vorstellung von der Welt zu bekommen, in der Graham sich wiederfindet. Gerne hätte sich Wells detaillierter über den Alltag der Menschen in der Zukunft und die technischen Gadgets auslassen dürfen. Trotzdem ist es erstaunlich, welch genaue Ahnung Wells 1899 von der Zukunft hatte.

Angelesen: Gérard Depardieu – Ailleurs

Gérard Depardieu veröffentlicht mit Ailleurs (Anderswo) sein nunmehr fünftes Buch. Ailleurs ist keine Autobiografie, sondern vereint Gedanken und Ansichten des berühmten französischen Schauspielers über Gott und die Welt. Der Klappentext gibt die Richtung vor:

Je suis parfois un innocent, parfois un monstre. Tout ce qui est entre les deux ne m’intéresse pas. Tout ce qui est entre les deux est corrompu. Seuls l’ innocent et le monstre sont libres. Ils sont ailleurs.

Manchmal bin ich ein Unschuldiger, manchmal ein Monster. Alles dazwischen interessiert mich nicht. Alles dazwischen ist verdorben. Nur der Unschuldige und das Monster sind frei. Sie sind anderswo.

Gérard Depardieu – Ailleurs
Gérard Depardieus Buch Ailleurs

Depardieu hat für seine Gedanken keine Feder zur Hand genommen, sondern sich den Verlegern Jean-Maurice Belayche und Arnaud Hofmarcher anvertraut, die mit Depardieu im Laufe eines Jahres an verschiedenen Orten in Frankreich gesprochen und seine Worte zu Papier gebracht haben. Somit ist Depardieus Sprache unverfälscht eingefangen worden:

Ce que la vie nous offre est infini. On ne le prend que rarement. On préfère se poser des questions. On est formaté pour ça. Et pourtant la vie est simple. Mais on lui résiste. Elle nous fait peur. On ne la comprend pas […]

Was uns das Leben bietet ist unendlich. Wir nehmen es nur selten (an). Wir stellen lieber Fragen. Wir sind darauf konditioniert worden. Dabei ist das Leben einfach, aber wir wehren uns dagegen. Es macht uns Angst. Wir verstehen es nicht.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Der Begriff Anderswo beziehungsweise Woanders (Ailleurs) taucht in verschiedenen Kontexten auf und bildet den roten Faden im Verlauf des Buches. Für Depardieu liegt dieses Anderswo sowohl an anderen Orten und in fernen Ländern als auch im Inneren einer Person im Sinne eines anderen Denkens und Fühlens. Er findet es auch in der Musik oder Natur. Es kann überall sein, denn jenes Anderswo könne man direkt bei sich um die Ecke finden. Dieses Anderswo kann zudem etwas (noch) Unbekanntes oder Unvertrautes sein.

[…] L’aventure, c’est aller plus loin. Et avant tout en soi-même. C’est un chemin à l’envers. Il faut passer un sas en soi. Pour être plus libre encore. Devant l’Ailleurs, on est souvent d’abort comme un enfant qui veut toucher un animal pour la première fois […]


Abenteuer bedeutet, weiter zu gehen. Vor allem in sich selbst. Es ist ein Weg zur Schattenseite. Man muss in sich eine Schleuse passieren, um noch freier zu sein. Vor diesem Anderswo steht man häufig zuerst wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Tier berühren möchte.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Der inzwischen 71 Jahre alte Gérard Depardieu für sich genommen ist ein komplexes Anderswo, ein Freidenker, ein Wissender und Zweifler, Optimist und Pessimist, ambivalent und unkonventionell. Depardieu, das ist Weisheit und Wahnwitz, Psychologie und Philosophie, Poesie und Provokation auf 214 Taschenbuchseiten. Depardieus Ansichten über Menschen, Frankreich, Religionen und das (politische) Weltgeschehen kommen ungebremst und ungefiltert daher, weshalb er auch polarisieren kann.

La France est cassé. Les gens y sont tristes. On sent qu’ils ont peur de tout, qu’ils ne font que se débattre. Certains deviennent haineux. Je n’aime pas ce que je vois ici.


Frankreich ist zerrissen (kaputt). Die Menschen hier sind traurig. Man spürt, dass sie vor all dem Angst haben und sich bloß durchkämpfen. Manche werden hasserfüllt (boshaft). Mir gefällt nicht, was ich hier sehe.

Gérard Depardieu – Ailleurs

Ailleurs erschien am 8. Oktober 2020 im Pariser Verlag Cherche-Midi und ähnelt im Stil Depardieus Buch Monstre (Monster) von 2017. Im Jahr 2015 erschien Innocent (Unschuldig), 2014 Ça s’est fait comme ça (Es hat sich so ergeben). 1988 kam Depardieus erstes Werk Lettre volées heraus. Darin schrieb er Gestohlene Briefe an seine Mutter und Vater, Pierre Richard, seinen engen Freund und Schauspielkollegen Jean Carmet, an die Natur oder die Arbeit.

Ça m’arrive de plus en plus quand je m’endors de me dire que peut-être je ne réveillerai pas. et quand je me réveille, je me dis: Merde, je me suis réveillé. Ce qu’il fraudrait, c’est rester dans cette paix du sommeil. Sans plus de pensées, de questions, sans plus de guerres en soi.


Wenn ich mich schlafen lege, passiert es mir zunehmend, dass ich mir sage, dass ich vielleicht nicht wieder aufwachen werde. Und wenn ich aufwache sage ich mir: Scheiße, ich bin aufgewacht. Man sollte in diesem Frieden des Schlafes verbleiben – ohne Gedanken, Fragen und ohne die Kriege in einem selbst.

Gérard Depardieu – Ailleurs
Übersetzungen: Seelenkompott

Gelesen: Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein älterer Psychotherapeut sehnt seinen Ruhestand herbei und rechnet aus, wieviele Patientengespräche er bis dahin noch führen muss. Je weniger, desto besser, denn der Arzt ist wenig motiviert und aufmerksam bei der Sache:

Die morgendlichen Gespräche vergingen, ohne dass auch nur einer meiner Patienten es vermocht hätte, mich zu überraschen oder mein Interesse zu wecken.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Da ist zum Beispiel die lärmende Madame Almeida, die sich wie eine hysterische Henne gebärdet und bloß herumschimpft. Der Doktor lässt Madames Tiraden annähernd wortlos über sich ergehen und zeichnet nebenher heimlich kleine Vogelskizzen.

Anne Catherine Bomann - Agathe
Der Therapeut

Die 1983 geborene Dänin Anne Cathrine Bomann siedelt die Geschichte im Jahre 1948 an. Der knapp 72-jährige Psychiater praktiziert seit Jahrzehnten in einem Vorort von Paris. Die Stadt hat er nie verlassen. Der scheue Arzt lebt allein und zurückgezogen in immer der gleichen Wohnung. Mit seinem Nachbarn hat er noch nie ein Wort gewechselt. Durch die Geräusche, die durch die Wand zu ihm hindurchdringen, fühlt er sich dem unbekannten Mann verbunden. Ein wenig Freude hat der Doktor an klassischer Musik und einer guten Tasse Tee. Seine Knochen schmerzen, und er macht sich sorgenvoll Gedanken über das Älterwerden. Seine Tage verlaufen stets gleich zwischen Frühstück und kargem Abendbrot. Der Psychotherapeut ist depressiv und zeigt alle Anzeichen einer handfesten seelischen Krise:

Was, wenn sich herausstellte, dass das Dasein außerhalb der Mauern meiner Praxis ebenso sinnlos war wie hier drinnen? Wie oft hatte ich mir die Klagen meiner Patienten angehört und mich gefreut, dass ihr Leben nicht das meine war? […] All die Jahre war ich überzeugt gewesen, dass das richtige Leben, die Belohnung für all die Mühsal mit dem Eintritt in den Ruhestand auf mich wartete.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der Therapeut ahnt, dass sich seine Hoffnung nicht ohne Weiteres erfüllen wird. Und wo er es noch nicht weiß, sprechen seine Angstzustände eine deutliche Sprache zu ihm. Der Arzt fürchtet die Einsamkeit und sagt sich:

Wie armselig, ich bin genau wie sie.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Genau wie sie – seine Patienten. Der Psychotherapeut gehört selber auf die Couch. Bomann lässt ihn die Geschichte aus seiner Perspektive erzählen. Es ist seine eigene Geschichte, die persönlichen Gedanken und Gefühle eines Therapeuten, die unter allen Umständen gegenüber seinen Patienten im Dunkeln bleiben müssen, will er professionell arbeiten. Der Psychotherapeut bleibt namenlos als existiere er gar nicht. Er scheint seine inneren Vorgänge ebenso schwer fassen zu können wie seine Patienten und gleichsam zu verharren. Er befindet sich in einer unlösbaren Starre. Der Therapeut ist körperlich wie seelisch arretiert. Eine bezeichnende Erstausgabe von Sartres Der Ekel liegt seit langem unangetastet neben seinem Platz.

Es irritiert, dass Bomann, selbst Psychologin, in ihrem Debütroman einen Kollegen derart ins Wanken geraten lässt. Warum vermag der erfahrene Psychotherapeut sich nicht selbst zu helfen? Vielleicht aber kann auch ein depressiver Therapeut seinen Patienten helfen wie ein Friseur mit strähnigen Haaren trotzdem virtuos frisieren und ein Modeschöpfer in verschlissener Kleidung ein prachtvolles Abendkleid entwerfen kann. In Agathe steht der Mensch in seinem Menschlichsein im Vordergrund, und Menschen sind manchmal hilflos und verzweifelt.

Agathe

Die einzige menschliche Konstante im Leben des Therapeuten ist seine Sekretärin Madame Surrugue. Es passt ihm gar nicht, dass sie in seinem letzten halben Arbeitsjahr noch eine neue Patientin annimmt. Agathe ist Deutsche, 38 Jahre alt und besteht dringend auf einen Termin bei ihm. Sie ist so blass, als wäre jegliches Leben aus ihr gewichen. Und sie hat allen Grund, einen Therapeuten zu benötigen. Mehr noch braucht sie einen Menschen, der sich ihrer annimmt. Ihr Leidensweg ist lang, die Einträge in ihrer Krankenakte reichen von manisch-depressiv über selbstverletzendes Verhalten bis hin zu einer nicht ganz auszuschließenden Psychose. Agathe macht sich keine Illusionen über die Therapie. Sie will nur „irgendwie zurechtkommen“. Auf keinen Fall will sie wieder in eine Klinik:

Ich werde mich weder einweisen lassen, noch Medikamente nehmen. Ich brauche jemanden zum Reden und habe beschlossen, dass Sie derjenige sein sollen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Agathe sieht sich einen kleinen Koffer herumtragen, der gefüllt scheint, doch in Wahrheit völlig leer ist. Der Arzt spürt bei Agathes Worten Beklemmungen in der Brust, bevor er realisiert: auch er trägt solch einen leeren Koffer mit sich herum. Sie sagt:

Es ist eine einsame Sache, nicht zu leben. Wie wenn man anderen beim Spielen zusieht, während man selbst das Bein gebrochen hat.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Der alte Mann findet mehr und mehr Gefallen an den Gesprächen mit Agathe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mit Agathe in die für Psychotherapeuten heikle Situation der Gegenübertragung gerät. Sie gewinnt für ihn an Bedeutung. Agathe rührt und berührt den Therapeuten und bewegt etwas in ihm. Er spürt an ihr seine eigenen Nöte und Bedürfnisse. Sie ahnt, dass ihr Doktor eine Last mit sich herumträgt und konfrontiert ihn. Agathe ist anders als seine anderen Patienten, es scheint eine beinahe schicksalhafte Begegnung zwischen ihnen. Der Psychotherapeut spricht seine Empfindungen für Agathe keinesfalls aus, denn er weiß:

Dann öffnete ich die Augen. So durfte ich nicht denken. Agathe war meine Patientin, ich war ihr Arzt, und meine Aufgabe war es, ihr zu helfen!

Anne Cathrine Bomann – Agathe
Mein Fazit

Bomann zeigt auf: Für Veränderung ist es nie zu spät. Der Therapeut räumt schließlich nicht nur seine Wohnung auf. Er dringt im sechsten Gespräch zu Agathe durch, die ihm Schreckliches offenbart, wo er es wohl schon ahnte. Er hilft Madame Surrugue in einer persönlichen Angelegenheit. Und es ist nie zu spät, einmal einen Apfelkuchen zu backen.

Die Autorin erzählt in leisen und reduzierten Sätzen auf nur 155 Seiten. Anne Cathrine Bomann hat in das schmale Büchlein eine gewichtige Geschichte über menschliche Nöte gepackt, ohne den Leser am Ende hoffnungslos zurückzulassen. Die Psychologin lässt Raum, das Geschehen zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen – dort, wo die unausgesprochenen Dinge stehen, zu denen auch die Frage gehört: Wo liegen die Grenzen einer Therapie? Wo die Grenzen zwischen Therapeut und Patient? Agathes Doktor überlegt:

Vielleicht war es schlichtweg unmöglich, hier in der Praxis eine echte Verbindung zu schaffen, wo ein Mensch einen anderen fürs Zuhören bezahlte und der Patient per Definition krank war, während ich auf dem Heilmittel saß.

Anne Cathrine Bomann – Agathe

Ein Konflikt – für Therapeut und Patient. Wie und wo die Grenze zwischen professionell und menschlich ziehen? Wie beides auseinanderhalten? Ist die Grenze zwischen Therapeut und Patient schlichte Notwendigkeit oder eigentliche Tragik? Trennen Grenzen nicht?

Gelesen: T. C. Boyle – América

Im Nachhinein versuchte er, sich die Sache in abstrakten Begriffen zu erklären, als Unfall in einer unfallträchtigen Welt, als Kollision gegenläufiger Kräfte.

T. C. Boyle – América

Der Einwanderer Cándido rennt in Los Angeles Delaney Mossbacher vor dessen „wachsgepflegte“ Karre und haut ihm den Blinker raus. Weit mehr Schaden erleidet der illegal in Kalifornien lebende Mexikaner. Delaney drückt ihm 20 Dollar Entschädigung in die blutverschmierte Hand.

Ich sage dir doch – es war ein Mexikaner.

T. C. Boyle – América

Der US-amerikanische Autor Tom Coraghessan Boyle, Jahrgang 1948, lässt in América zwei Welten aufeinanderprallen. Und es kracht gewaltig. Boyle erzählt abwechselnd aus der Perspektive Cándidos, der mit seiner erst 17 Jahre alten Frau América ohne feste Perspektive und Dach über dem Kopf in einem Canyon haust, und aus der Sicht des Angloamerikaners Delaney Mossbacher, der mit seiner karrierebewussten Frau in einem perfekten Zuhause lebt.

Und auf einmal wurde es Delaney klar, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: der Einkaufswagen, die Tortillas, der Pfad in den Cañon hinab – der Mann campte da unten, das war es! Er campte, lebte, hauste dort. Machte die Bäume und Sträucher, die ganze Wildnis des Topanga State Park zu seiner Privatwohnung, kackte in die Büsche, kippte seinen Müll hinter die Felsen, vergiftete den Bach und ruinierte die Natur für alle anderen.

T. C. Boyle – América

Der Orignaltitel des Buches lautet The Tortilla Curtain (Der Tortilla Vorhang) und meint die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Der Roman erschien 1995 zu einem Zeitpunkt, als die Grenze noch durchlässig war. Die Geschichte hat in 25 Jahren nichts an Brisanz verloren. Cándidos Schicksal steht hochaktuell für die Situation vieler Flüchtlinge.

T. C. Boyle - América

Cándido gelangt mit seiner Frau über jene Grenze in die USA. Die beiden sind getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land der „gabachos“. Als Tagelöhner nehmen sie jede niedere, ausbeuterische Arbeit an, nur um irgendwann, irgendwann in schrecklich weiter Zukunft ein Dach über dem Kopf zu haben, ein Zimmer, eine Toilette, eine Dusche, etwas zu Essen. Grundlegende menschliche Bedürfnisse:

Mit bleiernen Füßen wankte er am Postamt vorbei, die Landenfronten entlang, an den hellen Fenstern vorbei, den sauber aufgereihten Autos, den Symbolen des Reichtums, der rings um ihn herum gedieh, aber doch so unerreichbar war wie der Mond. Und worum ging es bei alledem? Um Arbeit, sonst nichts. Um das Recht zu arbeiten, einen Job zu haben, sich das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf zu verdienen. Er wurde zum Verbrecher allein dadurch, dass er es wagte, das ebenfalls zu wollen […]

T. C. Boyle – América

Boyle legt dem glücklosen Cándido auf 389 Buchseiten keine Steine in den Weg; es sind Felsbrocken. Ganze Gesteinshalden. Amerika wird für ihn zum Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Immer in Angst vor „La Migra“, der Einwanderungsbehörde, die mit ihren „kotzegrünen“ Lastern Illegale einsammeln. Boyles Sprache ist direkt. Er beschreibt die Dinge in ihrer blanken entsetzlichen Krassheit und Wahrheit. Cándido erbricht sich nicht. Boyle lässt ihn kotzen. Nicht einmal. Zweimal. So richtig. Bis die Galle kommt. Bis ihm alles hochkommt: das karge Frühstück – die ganze Scheiße seines Lebens. Cándido und América hausen schlimmer als die Tiere im Canyon. Sie haben kaum etwas zu fressen, sind Wildtieren, Wetter und bedrohlichen Menschen ausgeliefert, die sie ihrer Würde berauben. Und als endlich ein kleiner Funken Hoffnung in Cándido aufkeimt, entfacht dieses kleine Fünkchen ein Feuerinferno, das den ganzen staubtrockenen Canyon in ein fürchterliches Flammenmeer apokalyptischen Ausmaßes stürzt. Auch dies brandaktuell: Man denkt zwangsläufig an die schrecklichen kalifornischen Feuer, die man in den Nachrichten sieht.

Auf der anderen Seite, oben, steht Delaney Mossbacher. Er ist Journalist und schreibt Naturkolumnen für ein Magazin. Seine Frau Kyra ist Maklerin für Luxusimmobilien. Sie leben in den Hügeln in einer teuren Wohnanlage mit Tennis- und Golfplatz und bewohnen eines der gleichförmigen Häuser im „spanischen Missionsstil“. Ihr Sohn wird mit allen lebenswichtigen Vitaminen versorgt, und auch der Katze und den beiden Hunden Osbert und Sacheverell fehlt es an nichts. Delaney Mossbacher ist ein umweltbewusster, liberaler Mensch, schließlich war er gegen das bewachte Einfahrtstor zur Wohnanlage. Nun überlegt die Nachbarschaft, die Schutzmaßnahmen zu verstärken:

[…] und noch ein paar andere hielten es für eine gute Idee, rings um die ganze Wohnanlage eine Mauer hochzuziehen- nicht nur um Vorfälle wie diesen zu verhindern und Schlangen, Taschenratten und ähnliches Ungeziefer fernzuhalten […]

T. C. Boyle – América

Kyras und Delaneys vermeintlich heile Welt gerät ins Wanken. Wie Cándido und América erleben auch sie ihr Armageddon. Die Katastrophen entbehren nicht einer abstrusen Situationskomik: „Oh nein, das gibt es doch nicht!“, gehen die Augen auf, und schwupps reißt ein Kojote Hund Sacheverell im heimischen Garten – trotz eines zweieinhalb Meter hohen Maschendrahtzauns. Delaney bleibt nur die blutige Pfote des niedlichen Hündchens, die er mahnend auf der Eigentümerversammlung erhebt:

Ich sagte, ich wollte nur mal wissen , wie viele von euch hier wissen, was passieren kann, wenn ihr die Kojotenpopulation dieser Gegend füttert…

T. C. Boyle – América

In Wahrheit soll die Mauer nicht nur die Kojoten abhalten, sondern Unbefugte, Einbrecher, Vandalen, Einwanderer, Mexikaner. Keine Mauer aber kann hoch genug sein gegen die inneren Barrieren eines Menschen. Kyras und Delaneys tolerante Einstellung weicht im Verlauf der Geschichte einer gewissen ambivalenten Haltung:

‚Also‘, sagte Kyra gerade und hob ein Stück Tofu mit Austernpilzen zum Mund, ‚ich bin gar nicht stolz darauf oder so – ich weiß auch, wie du darüber denkst, und es stimmt ja auch, dass jedermann ein Recht auf Arbeit und einen anständigen Lebensstandard hat, aber es sind einfach zu viele, sie überrennen uns, unsere Schulen, das Wohlfahrtssystem, die Gefängnisse, und jetzt die Straßen…‘ Sie kaute nachdenklich.

T. C. Boyle – América

Die Wege Cándidos und Delaneys kreuzen sich mehrfach. Delaney entwickelt zunehmend Ablehnung, Wut, gar Hass auf die Mexikaner, namentlich auf „seinen Mexikaner“:

Er schob die Patronen in die geradezu genial dafür entworfenen Schlitze, jede einzelne glitt mit einem präzisen, todbringenden Klick hinein, und er wusste, dass er das Ding nie benutzen, es nie abfeuern würde, niemals – aber würde es aus dem Holster ziehen, in all seiner tödlich blitzenden Schönheit, und es auf diesen ausländischen schwarzäugigen Schachtelteufel von Vandalen richten, bis die Polizei kam und ihn dorthin brachte, wo er hingehörte.

T. C. Boyle – América
Mein Fazit

América, der Name von Cándidos Frau, steht gleichsam für Amerika. Boyle setzt aus den Splittern des kaputten Blinkers raffiniert einen Spiegel zusammen, den er Amerika, den USA, der Gesellschaft, allen vorhält. Es ist ein blendender, reflektierender Spiegel. Ein Spiegel, an dem man sich schneiden kann. Boyle erwischt seine Leser unter Garantie: Schlimmstenfalls in seinem möglichen Rassismus, seiner Fremdenfeindlichkeit, seiner Angst oder Unbehagen, wenigstens aber in einer gewissen Unsicherheit gegenüber Fremden. T. C. Boyle setzt – wachsgepflegt – raffiniert fiese Spitzen in Adjektiven.

Als Delaney eine kitschig-romantische Naturbetrachtung aus der Sicht eines Pilgers verfasst, sieht man unweigerlich den armen Cándido im Canyon hocken, allen Widrigkeiten der Natur und menschlichen Umwelt ausgeliefert. Kurz vor dem Verrecken, ums nackte Überleben kämpfend. Welch ein Hohn, und Delaney sammelt Material für eine Artikelserie über „eingeschleppte Arten und Populationskonflikte“. Die Parallelen zu den eingewanderten Menschen sind offensichtlich: Der Kojote wird zur Metapher für den/die Mexikaner.

Boyle holt die (illegalen) Einwanderer aus der Masse, entkriminalisiert sie, gibt ihnen durch Cándido und América eine Stimme. Er verleiht ihnen ein Gesicht, macht sie zum Individuum, zu Menschen aus Fleisch und Blut, Tränen und Schweiß, mit Hoffnungen und Ängsten. Dieser Boyle ist einfach packend.

Das Ende ist dramatisch, halb offen, aber mit einer eindeutigen Botschaft. América sollte Pflichtlektüre im Weißen Haus werden. Auf diese Bibel sollten (amerikanische) Präsidenten schwören.