Gelesen: H. G. Wells – Wenn der Schläfer erwacht

Der 1866 geborene Brite H. G. Wells bezeichnete Wenn der Schläfer erwacht als scientific romance. Das Frühwerk Wells‘ ist nicht so bekannt wie Die Zeitmaschine oder Der Krieg der Welten, gleichwohl geht der Leser mit dem Schläfer auf ein fantastisches Science-Fiction-Abenteuer.

Der Schläfer von H. G. Wells

Das Bild auf dem Cover der oberhalb gezeigten Taschenbuch-Ausgabe heißt Pilot im Cockpit des Alien-Wracks und stammt von H. R. Giger.

Der Reiz des Romans liegt darin, dass Wells 1899 Dinge voraussah, die gut 100 Jahre später Realität werden sollten – fast:

Mit dem stetig steigenden Lebensstandard und den ebenso stetig wachsenden Ansprüchen des Großstädters war gleichzeitig das Leben auf dem Land immer teurer geworden, immer abgeschiedener und immer weniger reizvoll. Den Vikar und den Gutsherrn gab es nicht mehr, und den Landarzt hatte der Facharzt in der Stadt abgelöst; das hatte dem Dorf schließlich den letzten Anflug von Kultur genommen. Nachdem Telephon, Kinematograph und Phonograph die Zeitung, das Buch, den Lehrer und den Brief verdrängt hatten, lebte man dort, wo es keinen Stromanschluss gab, als isolierter Barbar.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Der junge Engländer Graham fällt gegen Ende des Viktorianischen Zeitalters in einen dornröschenähnlichen Schlaf und erwacht 203 Jahre später im 22. Jahrhundert. Die Welt ist nicht mehr die, die er kannte. London ist zu einer grell erleuchteten Megacity mit 33 Millionen Einwohnern geworden. Graham blickt auf gigantische Gebäude aus modernen Materialien und ein Straßengeflecht, das sich etagenweise bewegt:

Auf dieser Fahrbahn standen Bänke, hie und da auch kleine Kioske, aber sie fegten zu rasch vorbei, als dass er hätte sehen können, was sich darin befand. Von dieser höchsten und schnellsten Bahn führte eine Reihe anderer bis zur Straßenmitte hinunter; jede bewegte sich merklich langsamer als die nächsthöhere, so dass man ohne Schwierigkeiten von einer Fahrbahn zur nächsten umsteigen konnte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Von beweglichen Straßen in luftiger Höhe sind wir zwar noch entfernt, aber zeitlich befinden wir uns ungefähr in der Mitte von Wells‘ Visionen, von denen einige bereits wahr geworden sind. Im Laufe seines langen, tiefen Schlafes ist Grahams Vermögen durch glückliche Investitionen seiner Verwalter so enorm angewachsen, dass ihm nicht weniger als die Hälfte der Welt gehört. Graham wird mit „Sire“ angesprochen und nimmt eine besondere Stellung ein. Ein Schneider präsentiert ihm Gewänder auf einem Gerät in Größe einer Taschenuhr:

Er drückte auf einen Knopf. Auf dem Zifferblatt erschien eine winzige Gestalt in weißer Seide, die herumspazierte und sich drehte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

Wells scheint eine Smartwatch vorauszunehmen. Im Verlauf der Geschichte entdeckt man mit Graham allerlei Technik des modernen Menschen. Unweigerlich denkt man bei den Beschreibungen Wells‘ an Flugzeuge und Hubschrauber, und es werden Flachbildschirme, Fernseher, Radio und Kino angedeutet. Medizin und Psychologie haben enorme Fortschritte gemacht. Die „Schwätzmaschine“ ist so etwas wie die heutigen sozialen Netzwerke und berieselt die Menschen unaufhörlich mit Neuigkeiten. Wells beschreibt die Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie:

Und über das ganze Land hin, wo es einst Farmen mit ihren Hecken und Bäumen gab, Dörfer mit Gasthöfen und Kirchen, standen nun auf jedem Hügel, wie Symbole der neuen Zeit, gigantische Windräder und speicherten unablässig die Kraft, die das Stromnetz der Stadt belieferte.

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells

So fantastisch die technischen Errungenschaften, so erschreckend sind für Graham die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Seine Fragen werden ausweichend beantwortet. Man sagt ihm nur, dass gerade soziale Unruhen herrschen. Doch schlimmer: Es herrscht ein diktatorischer „Oberster Rat“, der die arme Masse der Bevölkerung, die vielen Arbeiter in blauer Einheitskleidung, unterdrückt. Graham, der sich Demokratie in einer Welt ohne Kriege erträumte, erkennt, dass er zwischen den Mächtigen im Zentrum einer Revolution steht. Denn manches ändert sich vielleicht nie, so schildert ihm eine junge Frau:

Der Mensch ist heute nicht frei, er ist nicht größer, nicht besser geworden, als er zu Ihrer Zeit war. Diese Stadt ist ein Gefängnis. Und die Gier nach Geld beherrscht alles. Milliarden Menschen plagen sich ein ganzes Leben lang, ohne die Früchte ihrer Arbeit ernten zu können. Soll das immer so weitergehen?

Aus Wenn der Schläfer erwacht von H. G. Wells
Mein Fazit

Herbert George Wells entwirft auf 228 Seiten eine düstere Dystopie. Er legt den Schwerpunkt der Geschichte – gleichsam als Mahnung – auf die soziale Entwicklung der Gesellschaft und das Bestreben der Oberen, mit allen Mitteln ihre Macht zu erhalten. So ist Graham gezwungen, Position zu beziehen und den Kampf aufzunehmen. Das liest sich an manchen Stellen etwas zäh, fast langweilig. Auch hatte ich bei Wells Schwierigkeiten, aus seinen Beschreibungen ein Bild zu formen und eine Vorstellung von der Welt zu bekommen, in der Graham sich wiederfindet. Gerne hätte sich Wells detaillierter über den Alltag der Menschen in der Zukunft und die technischen Gadgets auslassen dürfen. Trotzdem ist es erstaunlich, welch genaue Ahnung Wells 1899 von der Zukunft hatte.

4 Gedanken zu “Gelesen: H. G. Wells – Wenn der Schläfer erwacht

  1. Faszinierend! Ich glaube die Langwierigkeit im Schreiben ist der Zeit geschuldet. Gerade in „Krieg der Welten“ trägt es aber der Intensität bei. Wells‘ futuristische Visionen und die erstaunliche Genauigkeit dessen, was wir heute als das von ihm Beschriebene kennen, ist spannend ohne Ende. Ich werde auch sicherlich mehr von ihm lesen 🙂 Lieben Gruß, Sandra

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